Joachim Poeschke (Hg.)

Sinopien und Stuck im Westwerk der karolingischen Klosterkirche von Corvey

2002, 146 Seiten, 169 Abbildungen (davon 26 vierfarbig und duplex), broschiert/Fadenheftung
2002, 146 pages, 169 figures (26 in color and duplex), paperback/sewn

ISBN 978-3-930454-34-1
Preis/price EUR 35,–

21 × 29,7cm (B×H), 500g

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Kurzzusammenfassung / short summary:

1992 gelang im Westwerk der ehemaligen Klosterkirche von Corvey die aufsehenerregende Entdeckung von Wandvorzeichnungen (Sinopien) für sechs lebensgroße, in Form von Stuckreliefs über den Pfeilern des sogenannten Johanneschors angebrachten Figuren. Die technischen Befunde lassen keinen Zweifel daran, daß die Vorzeichnungen und damit auch die bis auf wenige Fragmente verlorengegangenen Stuckfiguren aus karolingischer Zeit stammen, genauer gesagt aus der Amtszeit des Abtes Bovo (879–890), unter dem das Westwerk von Corvey 885 geweiht wurde. Neben den Relieffragmenten über den Zugängen zu der Krypta des Hildesheimer Domes sind die Corveyer Funde somit ein weiterer Beleg für den Gebrauch von Stuckplastik in karolingischen Kirchenbauten des norddeutschen Raumes. Umstritten ist jedoch bis heute die Deutung des ehemaligen Figurenprogramms in Corvey. Handelte es sich um biblische Personen oder um zeitgenössische Herrscher, um Heilige oder um kaiserliche Fundatoren und Benefaktoren, an die hier erinnert werden sollte? Diese Frage stand im Zentrum des 1996 vom Institut für Kunstgeschichte der Universität Münster veranstalteten wissenschaftlichen Kolloquiums, das Kunsthistoriker und Historiker vereinte und ausdrücklich auch – wie aus den in diesem Band versammelten Beiträge zu ersehen ist – auf die mit jedem Versuch einer Deutung der Stuckfiguren unmittelbar zusammenhängenden Fragen der Baugestalt, der Nutzung und des ehemaligen Ausmalungsprogramms des Corveyer Westwerks sowie auf das Corveyer Gedächtniswesen den Blick lenkte.

          Sinopie
1                Sinopie
2                Sinopie 3

In 1992 the sensational discovery of wall sketches (sinopia) for six life size figures was made in the Westwerk of the former monastery church of Corvey. The figures were in the form of stucco reliefs which were placed above the pillars of the so-called Choir of St. John. The technical data leaves no doubt that the sketches and the figures – which except for a few fragments are lost – are from the Carolingian period, more precisely from the time of Abbot Bovo (879–890), during whose period the Westwerk was consecrated in 885. Besides the fragmentary reliefs above the entrances to the crypt in the cathedral in Hildesheim, the findings in Corvey are futher evidence of the use of stucco sculptures in Carolingian churches in northern Germany. There is however a dispute over the interpretation of the former program of the figures in Corvey. Do they represent biblical persons or contemporary rulers, saints or imperial founders and benefactors who are to be commemorated? This was the central question of a scientific meeting held by the Institute for Art History of the University of Münster, Germany, in 1996. This meeting was for Art Historians and Historians and, as can be seen by the essays in this volume, focused on all issues of the former Westwerks' construction, usage, and program of paintings as well as Corveys' commemoration tradition insomuch as these themes pertained directly to attemps of interpreting the stucco figures.


Aus dem Inhalt / from the book:

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Vorwort
Die Autoren und ihre Beiträge (Inhaltsverzeichnis / table of contents)
Näheres zu den Beiträgen


Die Autoren und ihre Beiträge:

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Vorwort

Hilde Claussen:
Karolingische Sinopien und Stuckfragmente im Corveyer Westwerk

Joachim Poeschke:
Herrscher oder Heilige? Zur Deutung der Sinopien von Corvey

Adriano Peroni:
Stucco, Pittura e Sinopie in S. Salvatore di Brescia e in S. Benedetto di Malles

Beat Brenk:
Wer sitzt auf der Empore?

Nikolaus Staubach:
Das Corveyer Dekorationsprogramm und die spätkarolingische Herrschaftsikonographie

Karl Heinrich Krüger:
Hochgestellte Persönlichkeiten in der Corveyer Memoria

P. Michael Hermes OSB:
Sgraffiti in der Westempore des Corveyer Westwerks

Uwe Lobbedey:
Die Baugestalt des Corveyer Westwerks. Forschungsstand und Aufgaben

Eckard Zurheide, Paul Hanning:
Die Steinbearbeitung im Corveyer Westwerk

Personenregister

Ortsregister

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Vorwort

»Die karolingischen Stuckfiguren im Westwerk von Corvey – Zur Frage ihrer Deutung« war das Thema eines von Kunsthistorikern und Historikern bestrittenen wissenschaftlichen Kolloquiums, das auf Anregung von Hilde Claussen vom 1. bis 3. November 1996 im Institut für Kunstgeschichte der Universität Münster stattfand. Anlaß zu der Tagung gab eine wenige Jahre zuvor gelungene, aufsehenerregende Entdeckung im Westwerk der Corveyer Klosterkirche. Im Obergeschoß des Westwerkes, dem sogenannten Johanneschor, war Hilde Claussen bei ihrer Untersuchung der von der ursprünglichen Ausmalung des karolingischen Baues erhaltenen Fragmente im Frühjahr 1992 auf sechs mit dem Pinsel in roter Farbe ausgeführte Wandvorzeichnungen für lebensgroße Figuren gestoßen. Vorzeichnungen dieser Art, für die sich in der Fachsprache im 20. Jahrhundert die Bezeichnung Sinopien eingebürgert hat, waren bis dahin vor allem im Zusammenhang mit mittelalterlichen Wandmalereien bekannt geworden. In situ erhaltene Reste von Stuck und von Eichenholzkeilen ließen jedoch den sicheren Schluß zu, daß es sich in Corvey nicht um Vorzeichnungen für Wandmalereien, sondern um Sinopien für Stuckfiguren handelte, die ebenso wie die von der ehemaligen Ausmalung erhaltenen Reste in die Amtszeit des Abtes Bovo I. (879–890), unter dem das Westwerk 885 geweiht wurde, zu datieren sind. In Halbrelief ausgeführt, waren die in den Arkadenzwickeln angebrachten Figuren – vier frontal auf den Betrachter ausgerichtete männliche und zwei im Dreiviertelprofil gezeigte weibliche – von der Wand deutlich abgesetzt. Dem Fund kam insofern größte Bedeutung zu, als durch ihn – nach der ab 1984 erfolgten Freilegung der Tympanonreliefs über den Zugängen zur Krypta des Domes von Hildesheim – ein weiterer Beweis dafür erbracht wurde, daß das zwischen der Malerei und der Steinskulptur angesiedelte Medium der Stuckplastik, von dem südlich der Alpen bei der Ausstattung von frühchristlichen und frühmittelalterlichen Kirchenräumen allem Anschein nach verhältnismäßig häufig Gebrauch gemacht wurde, das darüber hinaus in frühmittelalterlichen Bauten jedoch lange Zeit nur im Alpengebiet und in Frankreich nachweisbar war, zumindest seit spätkarolingischer Zeit auch im Norden Deutschlands bei der Ausgestaltung von Kircheninnenräumen Anwendung fand und daß somit die seit dem 12. Jahrhundert im sächsischen Raum in größerem Umfang greifbare Stuckplastik keineswegs ohne Vorgeschichte in der Region war.

Hilde Claussen gelang es darüber hinaus, mehrere Stuckfragmente, die bereits 1960 im Boden des Johanneschors gefunden worden und seitdem im Landesamt für Denkmalpflege in Münster dem Dornröschenschlaf anheimgegeben waren, mit den Sinopien zu vereinen. Einen ersten Bericht über den Corveyer Fund, der auch die Integration der zuvor ein erratisches Dasein fristenden Stuckfragmente miteinschloß, veröffentlichte sie 1995 in der Kunstchronik. Weitere Berichte folgten. Weitgehend ausgeklammert blieb in diesen jedoch die Frage der Deutung bzw. der Benennung der ehemals im Westwerk angebrachten Figuren. »Ob hier Könige des Alten Testaments oder gar römische Kaiser den Thron der Karolinger umstanden, wird sich wohl nie feststellen lassen«, konstatierte hierzu Dirk Schümer in einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24. Dezember 1992, durch den die Corveyer Stucksinopien erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht wurden. Könige des Alten Testaments wird man jedoch ebenso wie römische Kaiser mit Sicherheit ausschließen können. Eher stellt sich die Frage, ob es sich bei den Stuckfiguren um Heilige oder kaiserliche Fundatoren und Benefaktoren handelte. Eben dieses Thema stand bei dem Kolloquium von 1996 im Vordergrund. Zwangsläufig geriet damit auch die alte Frage der Nutzung des Westwerkes erneut ins Blickfeld. Die Verschiedenheit der auf der Tagung vertretenen Deutungsansätze und -resultate, die auch in der Druckfassung der Beiträge vollständig gewahrt blieb, wird den Kenner der Materie nicht überraschen. Erreicht wurde gleichwohl das Ziel der Veranstaltung, das darin bestand, die Diskussion um die Corveyer Sinopien in Gang zu setzen und zu vertiefen, nicht hingegen – wenn solches überhaupt zum Ziel erklärt werden kann – sie abzuschließen.

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Näheres zu den Beiträgen:

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Hilde Claussen:
Karolingische Sinopien und Stuckfragmente im Corveyer Westwerk

Der zentrale Beitrag des Bandes ist der von Hilde Claussen, in der sie die Auffindung und Dokumentation der Sinopien, d.h. der Vorzeichnungen für lebensgroße Stuckfiguren an den Wänden des Obergeschoßraumes des Westwerks beschreibt. Hinzu kommen einzelne Stuckfragmente, die bei früheren Restaurierungen gefunden wurden und von denen einige an ihre ursprüngliche Stelle wieder angepaßt werden konnten. Da die Pinselzeichnungen durch eindeutige Befunde in die Bauzeit des Westwerks (geweiht 885) datiert sind, sind sie für die Kunstgeschichte von allergrößter Bedeutung. Sie dokumentieren als einzige fest datierte Beispiele die Existenz lebensgroßer figürlicher Skulpturen in der Karolingerzeit. Die Rekonstruktion der Corveyer Figuren aus den sehr fragmentarisch erhaltenen Spuren stellt höchste Anforderungen, denen die Autorin außer durch genaueste Beobachtung auch durch kostümgeschichtliche Vergleiche mit zeitgenössischen Elfenbeinreliefs und Miniaturen nachzukommen sucht. In Ermangelung von dargestellten Attributen und unmittelbaren Vergleichsmöglichkeiten muß sie die Deutung der vier männlichen und zwei weiblichen Gestalten vom Befund her offenlassen.

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Joachim Poeschke:
Herrscher oder Heilige? Zur Deutung der Sinopien von Corvey

Die Beantwortung der im Titel des Beitrags gestellten Frage »Herrscher oder Heilige?« geht zunächst von den Dekorationssystemen frühchristlich-mittelalterlicher Kirchenräume und deren durch den Wandaufriß bedingter hierarchischer Struktur insgesamt aus, um sodann die Corveyer Befunde in diesem Zusammenhang zu beurteilen. Des weiteren wird aufgezeigt, daß die als Chlamysträger erkennbaren Figuren in Corvey nicht zwingend als zeitgenössische Herrschergestalten zu deuten sind, sondern ebenso Heilige dargestellt haben könnten. Anordnung und Typik der Figuren zusammengesehen lassen, so das Fazit, eher letzteres als ersteres vermuten.

Abbildung zum Aufsatz Poeschke

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Adriano Peroni:
Stucco, Pittura e Sinopie in S. Salvatore di Brescia e in S. Benedetto di Malles

Nell'occasione di un riesame delle tracce di una grande decorazione con figure a stucco nel Westwerk di Corvey, magistralmente illustrata da Hilde Claussen, mi sembra di qualche interesse rimettere a confronto due cicli decorativi frammentari come quelli di S. Salvatore a Brescia e di S. Benedetto di Malles per insistere sulla stratigrafia esecutiva che in entrambi i casi permette di osservare come la pittura e lo stucco siano stati coordinatamente eseguiti. In questo processo un ruolo ben noto va riconosciuto alle sinopie, gli abbozzi preparatori che, precedendo l'intero contesto, aprono uno spiraglio di qualche interesse sui rapporti tra pittori e stuccatori.

Abbildung zum Aufsatz Peroni

Sembrerebbe che i primi dispongano di una più logica preparazione per l'organizzazione dei tracciati fondamentali e di una probabile consuetudine all'esercizio grafico preparatorio nei termini che noi riteniamo normalmente documentato da una sinopia. Ricordo che c'è una documentazione molto variabile sulle sinopie, e anche addirittura un Museo delle Sinopie, a Pisa, con molte centinaia di metri quadrati di superfici disegnate. Né mancano esempi spettacolari di interi cicli pittorici rimasti incompiuti e per secoli scomparsi come quello famoso del Pisanello nel Palazzo Ducale di Mantova, dove si possono seguire tutte le fasi dal disegno preparatorio fino alla pittura più compiuta in tutte le possibili sfumature. Ma si tratta di casi eccezionali anche solo per le circostanze che hanno prodotto i ritrovamenti, peraltro riguardanti opere di epoca ben diversa da quella che prendiamo in considerazione. Non abbiamo testimonianze così esaurienti per l'alto Medio Evo, tuttavia vengono alla luce e studiati sempre nuovi reperti.

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Beat Brenk:
Wer sitzt auf der Empore?

Das Thema ist die Zweckbestimmung der Westwerke. Am Anfang wird auf die Aachener Pfalzkapelle mit ihrem – allerdings erst für 936 sicher belegten – Thron auf der Empore eingegangen. Es folgt eine kritische Revision der Literatur von Effmann über Fuchs, Schramm, Bandmann, Möbius bis zu Kreusch. Nachfolgend wird herausgearbeitet, dass es um die Unterscheidung von zwei unterschiedlichen Typen geht. Bei dem einen handelt es sich um hochgelegene Kapellen, die der Privatandacht und Gottesdiensteilnahme von Herrschern und Kirchenpatronen dienen. Sie können im Westen oder auch im Osten, seitlich des Chores, liegen. Kennzeichen ist ein direkter Zugang von den herrscherlichen Wohnräumen aus. Dieser ist bei den davon zu unterscheidenden eigentlichen Westwerken nicht vorhanden. Deren Obergeschosse haben einen öffentlichen Charakter, sie dienen der Messfeier für die Gläubigen und der Aufstellung großer Chöre. In ihrer Nachfolge stehen einerseits romanische Westemporen für Mönchschöre wie Lambach und andererseits die Westemporen in den Kanonissenstiften. Bei den letzteren kommt zu der besseren akustischen Wirkung des Psalmengesanges von der Empore aus die Möglichkeit der Absonderung von den Laien als Motiv für die Nutzung dieser Bauform.

Abbildung zum Aufsatz Brenk

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Nikolaus Staubach:
Das Corveyer Dekorationsprogramm und die spätkarolingische Herrschaftsikonographie

Der Beitrag prüft, ob sich die erklärungsbedürftigen und kontrovers diskutierten Besonderheiten in Raumsituation und Dekorationsprogramm des Corveyer Westwerks – Quadrum, Geschoßgliederung, Empore, Odysseus- und Meerwesen-Fresken, Stuckfiguren – durch einen gemeinsamen herrschaftstheologischen Bezugspunkt sinnvoll verbinden lassen, so daß seine Bestimmung als »Herrscherkirche« wahrscheinlich wird. Damit soll lediglich ein möglicher Deutungshorizont rekonstruiert, nicht eine verbindliche Lösung »bewiesen« werden. So ist zunächst auf die theologische Bedeutung und die Vorbildwirkung der Aachener Konzeption eines Emporenthrons im kirchlichen Zentralbau hinzuweisen, wie sie in zeitgenössischen Text- und Bildzeugnissen insbesondere aus dem Umkreis Karls des Kahlen faßbar werden.

Abbildung zum Aufsatz Staubach

Mit ihren Assistenzfiguren bieten seine Thronbilder zugleich einen Deutungsansatz für die Corveyer Sinopien. Ferner wird skizziert, wie Themen und Gestalten der antik-paganen Mythologie – Odysseus, Herkules – im 9. Jahrhundert durch eine Interpretatio christiana entschärft Eingang in die Herrscherpanegyrik gefunden haben. Mit der sog. »Cathedra Petri« wird schließlich ein realer Herrscherthron vorgestellt, der die verschiedenen Elemente der für Corvey zu erwägenden Programm-Konzeption in sich vereinigt: Thronfunktion, anagogische Zonen-Gliederung, allegorisch-typologische Mythen- und Monstren-Darstellungen (Herkules-Zyklus) und Huldigungsszenen im Kontext einer herrscherlichen Triumphalikonographie.

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Karl Heinrich Krüger:
Hochgestellte Persönlichkeiten in der Corveyer Memoria

Ziel ist es, die ›hochgestellten‹ Persönlichkeiten aus dem Corveyer Westwerk zu identifizieren. Es handelt sich – ungeachtet der verlorenen Ostwand – um zwei Damen und vier Herren, die als Stuckfiguren über den Pfeilern an der Innenwand des Quadrums angebracht waren. Da die Corveyer Schriftquellen weitgehend erhalten sind, sollte es möglich sein, sie in den Texten wiederzufinden. Es geht vor allem um Zeugnisse der ›Memoria‹, des Gebetsgedenkens, vom 9. bis zum 18. Jahrhundert: Königsurkunden, Liber vitae, Reliqienverzeichnis, Katalog der verlorenen Chorfenster, Figuren des Chorgestühls. Nun läßt sich keine Vierer- oder gar Sechsergruppe als solche ermitteln, weder als Heiligen- noch als Stiftergruppe. Jedoch finden sich gerade während der Erstellung des Westwerkes 873–885 in Corveyer Königsurkunden bezeichnende Erwähnungen von Vorfahren und Verwandten der karolingischen Wohltäter. Zugleich präsentiert der Vollender des Baus, Abt Bovo I., seinem Besucher König Arnulf 889 das Kloster als »Memoria für das ganze (karolingische) Geschlecht«. Diese Besonderheit des historischen Momentes (K. Hauck) läßt auf Stifterbildnisse schließen, z.B. Ludwig den Frommen, Ludwig den Deutschen (†876), Lothar I., vielleicht angeführt von Karl dem Großen oder fortgesetzt mit einem noch Jüngeren. Die Damen neben der großen Öffnung der Westempore könnten das Mutterkloster Corbie und Corvey oder – später nachweisbare –Königinnen darstellen.

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P. Michael Hermes OSB:
Sgraffiti in der Westempore des Corveyer Westwerks

Die von F. Kreusch publizierte Deutung, es handele sich bei den Buchstabenritzungen an den Pfeilern der Westempore um Noten für Instrumentalisten, die den gottesdienstlichen Gesang begleiteten, kann nicht aufrecht erhalten werden. Zwar bezeichnen die Buchstaben, die nach ihrer Form wohl dem 10. bis 11. Jahrhundert angehören, offensichtlich Noten, doch sind sie keiner bestimmten musikalisch-liturgischen Form zuzuordnen. Ihre Deutung ergibt sich vielmehr aus der bisher noch nicht wahrgenommenen Ritzzeichnung von Kopf und Oberkörper eines Mönchs über den Buchstaben. Angedeutet ist die Darstellung einer Unterrichtssituation, bei der der cantor seine pueri an Hand eines Monochords in der Musiklehre unterweist. Der Befund ist – und dafür spricht auch der Anbringungsort an einer Stelle, die nur nach Erklettern der Brüstung erreichbar ist – als Kritzelei zeitweilig unbeaufsichtigter Klosterschüler des hohen Mittelalters zu deuten.

Abbildung zum Aufsatz Hermes

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Uwe Lobbedey:
Die Baugestalt des Corveyer Westwerks. Forschungsstand und Aufgaben

Das Westwerk von Corvey verlangt als architektonischer Ort der figürlichen Ausstattung Beachtung. Bislang wurde zu wenig wahrgenommen, daß es in der Literatur über den Bau, immerhin eine Inkunabel der abendländischen Architekturgeschichte, nur eine unauflösliche und widersprüchliche Mischung von wahren und falschen Behauptungen, aber keine verläßliche Bestandsaufnahme gibt. Warum dies so ist, erläutert U. Lobbedey in seinem Beitrag zur Forschungsgeschichte. Er stellt die von unterschiedlichen Ausgangspunkten kommenden Bemühungen um den Befund und die Rekonstruktion der karolingischen Baugestalt seit mehr als hundert Jahren dar. Die Aufgaben und Möglichkeiten einer hoffentlich in absehbarer Zeit zu publizierenden Dokumentation aller noch erfaßbaren Baubefunde werden erläutert. Rekonstruktionszeichnungen des karolingischen Zustandes auf neuestem Stand greifen dieser Publikation schon ein wenig vor.

Abbildung zum Aufsatz Lobbedey 1                    Abbildung zum Aufsatz Lobbedey 2

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Eckard Zurheide, Paul Hanning:
Die Steinbearbeitung im Corveyer Westwerk

Der Beitrag des Steinmetzmeisters P. Hanning und des Ingenieurs E. Zurheide gehört in den baugeschichtlichen Bereich. Die Steinbearbeitung wird schon seit längerem in der Bauforschung beachtet. Hier allerdings werden die Möglichkeiten dieser Methode mit dem Erfahrungshintergrund eines älteren Steinmetzmeisters und mit einer standardisierten Fotodokumentation auf einem neuen Niveau gezeigt und damit zugleich bisher kontrovers diskutierte Befunde überzeugend geklärt. Daß die Steinbearbeitung mit der »Fläche« in karolingischer Zeit geläufig war, wird bestätigt.

Abbildung zum Aufsatz Zurheide 1          Abbildung zum Aufsatz Lobbedey 2          Abbildung zum Aufsatz Lobbedey 3

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