Günther Wassilowsky, Hubert Wolf

Päpstliches Zeremoniell in der Frühen Neuzeit

Das Diarium des Zeremonienmeisters Paolo Alaleone de Branca während des Pontifikats Gregors XV. (1621–1623)

Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme –
Schriftenreihe des Sonderforschungsbereichs 496
Band 20

2007, 464 Seiten, 3 Abbildungen, Harteinband
2007, 464 pages, 3 figures, hardcover

ISBN 978-3-930454-80-8
Preis/price EUR 52,–

17 × 24cm (B×H), 920g

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Kurzzusammenfassung
Inhaltsverzeichnis
Einleitung (Auszug)

Kurzzusammenfassung:

Mit dem vorliegenden Band wird erstmalig das Diarium eines päpstlichen Zeremonienmeisters aus der Frühen Neuzeit publiziert. Die Edition enthält die Notate, die Paolo Alaleone de Branca (1557/58–1643) während des Pontifikats Gregors XV. – ab dem Tod des Vorgängerpapstes Paul V. am 28. Januar 1621 bis zur Krönung des Nachfolgers Urban VIII. am 29. September 1623 – in seinem Tagebuch festgehalten hat. In der Frühen Neuzeit avancierten die Zeremoniardiarien zum ersten Reflexionsmedium symbolischer Praxis am päpstlichen Hof. Es gab kein liturgisches oder zeremonielles Ereignis, über das der Zeremonienmeister in dieser Art Chronik nicht berichtet hätte. Von der regelmäßigen Papstmesse, den öffentlichen, halböffentlichen oder geheimen Konsistorien des Kardinalskollegiums, über das diplomatische Zeremoniell eines Gesandtschaftsempfangs bis hin zu außergewöhnlichen Anlässen wie beispielsweise einer Heiligsprechung oder einer Papstwahl – in keiner anderen Quellengattung finden sich all diese Zeremonien von einem einzigen Autor beschrieben, der zudem noch selbst für ihre Planung und Durchführung verantwortlich zeichnete.

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Inhaltsverzeichnis:

Vorwort

I. Einleitung

Päpstliches Zeremoniell in der Frühen Neuzeit
Die päpstlichen Zeremonienmeister und ihre Diarien
Das Diarium von Paolo Alaleone de Branca
Zum Autor
Zu Inhalt, Form und Sprache des Werkes
Handschriftenbeschreibung und Textüberlieferung
Alaleones Diarium während des Pontifikats Gregors XV.
Ereignisübersicht
Gesandtschaftsempfänge
Editionsgrundsätze
Abbildung von Schriftbeispielen
Abkürzungen
Literatur

II. Edition

III. Register

Glossar zu Geräten und Gewändern

Biogramme zu allen im Diarium genannten Personen

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Einleitung (Auszug)

Im Gegensatz zu Mittelalter und Renaissance steht die Erforschung des Papstzeremoniells der Frühen Neuzeit ganz am Anfang. Während die Mediävistik die Bedeutung des Zeremoniells für ihre Papsttums- und Romforschung immer schon mehr oder weniger hoch veranschlagte, hat die auf anderen Feldern ungemein produktive Frühneuzeitforschung zu Rom diesem Gegenstand – mit Ausnahme einiger wegweisender Pilotstudien der italienischsprachigen Romhistoriographie – bislang nur wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht. Diese Leerstelle ist nicht nur mit dem primär sozialhistorischen bzw. »mikropolitischen« (doch kulturgeschichtlich durchaus offenen) Erkenntnisinteresse der gegenwärtigen frühneuzeitlichen Romforschung erklärbar, sondern hat vielleicht noch mehr mit einer latent teleologischen Vorstellung zu tun, die durch die Rekonstruktion der mittelalterlichen Entwicklung evoziert worden sein mag und in deren Perspektive man dem päpstlichen Zeremoniell der Frühen Neuzeit gar keine Geschichte mehr einräumte.

Tatsächlich erreichte mit der Fertigstellung des sogenannten Caeremoniale Romanum von Agostino Piccolomini Patrizi (1435–1495) und Johannes Burckard (um 1450–1506) im Jahre 1488 eine Jahrhunderte dauernde Tradierung und Überarbeitung von Zeremonienbüchern an der päpstlichen Kurie ihren vorläufigen Schlußpunkt. Die Epoche nach dieser grundlegenden Kodifizierung wurde schließlich zeremoniellgeschichtlich vielfach nur noch als unproduktive Anwendung der spätmittelalterlichen Textvorlage unter dem Gesichtspunkt der Erstarrung wahrgenommen und damit einer selbständigen Erforschung als nicht würdig erachtet. Daß eine solche Einschätzung kaum den fundamental neuen Herausforderungen gerecht wird, auf die das Papsttum im Zeitalter von reformatorischer (Zeremoniell-)Kritik, von Katholischer Reform und Konfessionalisierung selbstverständlich auch auf dem Feld symbolischer Kommunikation zu reagieren hatte, dürfte in einer Zeremonialgeschichte, die nicht nur immanente Textentwicklungen nachvollzieht, sondern soziale, kulturelle, theologische Kontexte mit berücksichtigt, keiner eingehenden Begründung bedürfen. Auch wenn es zur Grundfunktion des Zeremoniells gehört, herrschaftliche Macht geradezu durch die Darstellung von Kontinuität und Unveränderlichkeit zu legitimieren, und sich deswegen Transformationen in zeremoniellen Handlungen gewöhnlich nur in sehr »feinen Unterschieden« deutlich machen lassen, sind in der Frühen Neuzeit schon allein auf institutioneller Ebene fundamentale Neuheiten zu beobachten, die offensichtlich von einer äußerst bewegten Geschichte auch des päpstlichen Zeremoniells dieser Epoche zeugen.

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