Wolfram Washof

Die Bibel auf der Bühne

Exempelfiguren und protestantische Theologie im lateinischen und deutschen Bibeldrama der Reformationszeit

Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme –
Schriftenreihe des Sonderforschungsbereichs 496
Band 14

2007, 536 Seiten, 19 Abbildungen, Harteinband
2007, 536 pages, 19 figures, hardcover

ISBN 978-3-930454-63-1
Preis/price EUR 56,–

17 × 24cm (B×H), 1040g

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Kurzzusammenfassung
Inhaltsverzeichnis
Begründung und Eingrenzung des Themas (Auszug)
Zusammenfassung und Ausblick

Kurzzusammenfassung:

Das Bibeldrama der Reformationszeit bringt Figuren auf die Bühne, die im Kontext der meist bekannten Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament Vorbilder und Negativbeispiele menschlichen Verhaltens darstellen. In der Monographie von Wolfram Washof »Die Bibel auf der Bühne« werden nicht weniger als 120 Stücke dieser im Rahmen der konfessionellen Aus-einandersetzungen des 16. Jahrhunderts besonders beliebten Dramenart untersucht. Die Textauswahl bezieht sich auf den deutschen Sprachraum (ergänzt durch einschlägige Beispiele aus den Niederlanden und aus England) sowie auf die Zeit von der ersten Entstehung reformatorischer Dramen um 1530 bis zum Abschluß des Konfessionalisierungsprozesses um 1580.

Der Neuansatz der Fragestellung in einem Bereich, der seit mehr als hundert Jahren immer wieder das Interesse der Forschung, aber auch inadäquate Abwertungen nach epochefremden Kriterien erfahren hat, besteht in der Konzentration auf eine Wertepropagierung, wie sie von den Autoren und Trägern des Theaters intendiert wurde, d.h. auf die von den Bibeldramen aufbereitete Erläuterung protestantischer Theologie und Ethik. Durch vergleichendes Einbeziehen der biblischen Vorlagen, der mittelalterlichen Deutungstradition, der reformatorischen Theologie, wie sie sich u.a. in den Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen und der reformierten Kirche darstellt, sowie in Einzelfällen auch des zeitgenössischen katholischen Bibeldramas wird versucht, die spezifisch protestantische Sicht der Exempelfiguren zu präzisieren. Dabei ergibt sich ein Gesamtbild der wertevermittelnden Leistung der über die Exempelfiguren auf das Theaterpublikum erzieherisch einwirkenden protestantischen Theologen, Pfarrer und Lehrer, die die Großzahl der Dramatiker stellen.

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Inhaltsverzeichnis (gekürzt):

Vorwort

A. Zur Vermittlung protestantischer Theologie durch Exempelfiguren des Bibeldramas: gesellschaftliche Bedingungen, literarische Formen, theologische Themen

I. Begründung und Eingrenzung des Themas. Methodische Vorüberlegungen
II. Die Dramatiker: Beruf, sozialer Status und Funktionen als Autoren, Bearbeiter, Übersetzer und Aufführungsleiter
III. Das Bibeldrama in der zeitgenössischen Terminologie
IV. Legitimierung und Relevanz des Bibeldramas
1. Die Verortung des Bibeldramas in der Theatergeschichte und seine Abgrenzung von dem Fastnachtspiel, der Palliata sowie dem geistlichen Schauspiel
2. Homiletisch-katechetische Funktionen und liturgische Elemente des protestantischen Bibeldramas der Reformationszeit
V. Die Begriffe »Exempel« und »Exempelfigur«
1. »historia« (»Histori«) als »exemplum« (»Exempel«)
2. »Exempel« als Funktionsbegriff
a. Das Exempel als Funktionsbegriff im Bibeldrama der Reformationszeit
b. Zur Theorie des Exempels und zu seiner Verwendung von der Antike bis zur Reformationszeit
3. Dramenfigur als Exempel, Typus und Allegorie
VI. Themen und Strukturierung der reformatorischen Theologie
1. Dogmatik
a. Erbsünde
b. Gesetz und Evangelium
c. Rechtfertigung
d. Letzte Dinge (Eschatologie)
2. Ethik
a. Gottes Ordnungen (ordines Dei)
b. Geistliches oder Kirchenregiment (ordo ecclesiasticus)
c. Weltliches Regiment (ordo politicus)
d. Hausstand (ordo oeconomicus oder parentum)
VII. Esther als Paradigma einer Exempelfigur des Bibeldramas im Kontext ihrer Vor- bzw. Auslegungsgeschichte
1. Die biblische Esther
2. Zur Deutung der Estherfigur und des Estherbuches von den Kirchenvätern bis zu den Reformatoren
a. Esther in der Literatur und Kunst der Patristik und des Mittelalters
b. Esthers Stellenwert und Deutung in der reformatorischen Theologie
3. Esther als Exempelfigur im Bibeldrama der Reformationszeit
a. Gründe für die Attraktivität des Estherstoffes im Zeitalter der Reformation
b. Esthers Funktionen als Dramenfigur

B. Untersuchungen zu den dogmatischen Exempeln

I. Exempel zur Erbsünde
1. Entstehung der Erbsünde und Verlust des himmlischen Vaterlandes als Grundsituation der Menschheit: Die Adam und Eva-Dramen von Hieronymus Ziegler (1545) und Hans Sachs (1548)
2. Fortpflanzung der Erbsünde über die Menschheit: Jacob Ruoffs Adam und Heva-Spiel (1550)
3. Macht der Erbsünde
a. Wesen des Sünders: Hans Sachs' Mephibosetkomödie (1557)
b. Warnung vor den Lüsten: Petrus Papeus' Komödie vom barmherzigen Samariter (1539)
4. Geschichte und Aufhebung der Erbsünde: Valten Voiths Spiel von der Heilsgeschichte (1538)
II. Exempel zu Gesetz und Evangelium als den beiden Worten Gottes: Hans Sachs' Jonakomödie (1551) und seine Tragödie vom auferweckten Lazarus (1551)
III. Exempel zur Rechtfertigung
1. Wesen des rechtfertigenden Glaubens
a. Glaube und Vernunft: Hans Sachs' erste Abrahamtragödie (1533)
b. Glaube und Arten des Unglaubens: Hans Sachs' zweite Abrahamtragödie (1558)
c. Glaube und Scheinglaube: Herman Haberers Abrahamspiel (1562)
d. Glaube und Anfechtung: Joachim Greffs Abrahamspiel (1540)
2. Heilswirkung des Glaubens als Prinzip der Rechtfertigung: Die Dramen vom verlorenen Sohn
a. Die konfessionspolemischen Prodigusdramen
b. Konfessionell-pädagogische Prodigusdramen: Die Prodigusdramen von Wilhelm Gnapheus (1529), Georg Binder (1536), Hans Ackerman (1536 und 1540), Jörg Wickram (1540), Wolffgang Schmeltzl (1545) und Georg Macropedius (1537)
c. Die Exempelfunktion des verlorenen Sohnes und die Wirtshaus- bzw. Bordellszene
IV. Exempel zu den letzten Dingen: Die Dramen vom auferweckten Lazarus von Johannes Sapidus (1540), Joachim Greff (1545), Hans Sachs (1551), Jacob Funckelin (1552) und Anthonius Obernberger (1558)

C. Untersuchungen zu den ethischen Exempeln

I. Der göttliche Ursprung der Stände und Regimente (ordines Dei): Heinrich Knausts Tragödie von den Kindern Evas (1539) und Wolffgang Schmeltzls Drama von Samuel und Saul (1551)
II. Das geistliche oder Kirchenregiment (ordo ecclesiasticus)
1. Pflichten und Funktionen des bestellten Predigers
a. Der Dienst des Predigtamtes am weltlichen Regiment: Die Szenen von David und Abiathar in Rudolf Gwalthers Nabalkomödie (1549)
b. Die Erziehungspflicht des Predigers gegenüber der Gemeinde: Hans Sachs' Elitragödie (1553)
c. Die Zurückgewinnung der vom Satan verführten Seele in die christliche Gemeinde als Aufgabe des Predigers: Hans Sachs' Thamartragödie (1556)
2. Grundsituation und Aufgaben der christlichen Gemeinde (ecclesia)
a. Ecclesia cum ministris Sathanae luctans: Martin Balticus' Tragikomödie von Daniel in der Löwengrube (1558)
b. Funktionen der verschiedenen Gemeindeglieder im Kampf gegen die immerwährende Christenverfolgung durch die Weltkinder: Hans Sachs' erste David und Saul-Tragödie (1557)
c. Standhaftigkeit und Gottvertrauen der christlichen Gemeinde in Zeiten äußerster Glaubensverfolgung: Hans Sachs' Judas Machabeus-Tragödie (o.D.)
III. Das weltliche Regiment (ordo politicus)
1. Das Wesen des gottseligen weltlichen Regimentes: Leonhard Culmans Widmungsvorrede seines Spiels von der Witwe mit dem Ölkrug (1544), die Salomodramen von Sixt Birck (1547), dessen englischem Bearbeiter (1565/6), Jacob Funckelin (o.D.), Hans Sachs (1550) und Johan Baumgart (1561) sowie Sachs' zweite David und Saul-Tragödie (1557)
2. Pflichten der Obrigkeit
a. Pflichten der Obrigkeit im Frieden
b. Gottvertrauen statt Selbstvertrauen als wichtigste Pflicht der Obrigkeit im Krieg: Die Judithdramen
3. Gefahren für die Obrigkeit
a. Tyrannentum und Machtmißbrauch: Die Tragödien von Johannes dem Täufer von Hans Sachs (1550), George Buchanan (1579), Simon Gerengel (1553), Daniel Walther (1559), Jacob Schöpper (1546) und Johannes Aal (1549) sowie Sachs' Tragödie von Ahab und Nabot (1557)
b. Katholische Abgötterei: Die Beltragödien von Sixt Birck (1539), Martin Osterminch (1547) und Hans Sachs (1559)
c. Mißachtung der Warnungen der Prediger bzw. des kirchlichen Regimentes: Die Jeremiastragödien von Thomas Naogeorg (1551) und Hans Sachs (o.D.)
d. Hochmut der Obrigkeit gegenüber den Untertanen: Hans Sachs' Tragödie von Rehabeam und Jerobeam (1551)
IV. Der Hausstand (ordo oeconomicus)
1. Ehe
a. Ehe als heiliger Stand unter Gottes Schutz: Die Tobiaskomödien von Thomas Brunner (1569) und Georg Rollenhagen (1576)
b. Bewährung in der Ehe gegen Anfechtungen: Die Susannadramen von Sixt Birck (1532 und 1537), Paul Rebhun (1535) und Mattheus Creutz (1552) sowie die Nürnberger Susanna (o.D.)
c. Versagen in der Ehe angesichts Anfechtungen: Hans Sachs' David und Bathseba-Komödie (o.D.)
2. Pflichten in der Hausgemeinschaft
a. Elternpflichten
b. Kindespflichten
c. Gesindepflichten: Die Dienerszenen in Rudolf Gwalthers Nabalkomödie (1549)
3. Eigentum und Handel
a. Eigentum und Handel als Gottes Ordnung im Dienst der Nächstenliebe: Hans Ackermans Spiel vom barmherzigen Samariter (1546) und Leonhard Culmans Drama von der Witwe mit dem Ölkrug (1544)
b. Gefahren des Eigentums

Zusammenfassung und Ausblick

Primärliteratur

1. Dramentexte nach Exempelfiguren
2. Dramentexte nach Autorennamen
3. Theologische Schriften der Reformationszeit
4. Texte der griechischen und lateinischen Antike

Sekundärliteratur

Abbildungsverzeichnis

Bibelstellenregister

Personen-, Orts- und Sachregister

Abkürzungsverzeichnis

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Begründung und Eingrenzung des Themas (Auszug):

Die ältere Forschung hat das lateinische und volkssprachige Drama des 16. Jahrhunderts in erster Linie unter Gesichtspunkten beurteilt, die aus der als mustergültig betrachteten griechisch-römischen Antike und der deutschen Klassik abgeleitet waren. Mit epochefremden Kriterien – wie dem von den vermeintlich gültigen aristotelischen drei Einheiten von Handlung, Ort und Zeit, dem der strikten Trennung der Dramengattungen Komödie und Tragödie sowie dem der Stoffwahl – konnte sie der Eigenart der Dramatik der frühen Neuzeit nicht gerecht werden. Das zeigt sich besonders an ihrem Umgang mit den zahlreichen eindringlichen Ermahnungen und Lehren der Stücke, denen sie bestenfalls distanziert-neutral, häufig jedoch in schroffer Ablehnung gegenüberstand. So spricht sie von »einer etwas ledernen Moral«, »Lehrstücke[n] mit dem unerträglich drohenden Zeigefinger«, dem »allzu starke[n] hervortreten des didactischen elements, das [...] die handlung übermäßig aufhält«, und hebt lobend hervor, wenn ein Dramatiker in der Beschlußrede im Gegensatz zu seinen Vorgängern »die Moral« verkürzt und vereinfacht. Daher werden diese Lehren oft nicht im einzelnen genannt, sondern nur in pejorativer Zusammenfassung als »Moral« abgetan. Aber gerade dieses als störend und allzu moralisierend empfundene didaktische Element ist ein wesentlicher Zweck und eine wichtige Entstehungsursache der Dramen der frühen Neuzeit. Die Differenz zwischen einer den historischen Kontext vernachlässigenden Interpretation und dem eigenen Anspruch der Dramatiker des 16. Jahrhunderts tritt deutlich hervor, wenn man z.B. den in der Forschungsliteratur hochgeschätzten Humanisten Thomas Naogeorg heranzieht. Denn dieser »Tendenzdramatiker der Reformationszeit« lehnt die Anwendung zeitfremder, den Bedürfnissen seiner Epoche nicht entsprechender Kunstkriterien auf seine Dramen strikt ab.

Daher bildet die Frage nach der Qualität der dramatischen Kunst in der folgenden Untersuchung keinen leitenden Gesichtspunkt. Auch geht es weder um eine rein nacherzählende Darstellung der einzelnen Dramen noch um eine – bereits weitgehend abgeschlossene – Analyse ihrer literarischen Abhängigkeiten. Vielmehr soll das den Autoren Wichtigste im Mittelpunkt stehen, d.h. ihre durch die Dramen vermittelten Lehren und Werte. Dies ist v.a. deshalb interessant, weil das Theater unter den breitenwirksamen Medien der frühen Neuzeit ein Propagandainstrument ersten Ranges für dogmatische, ethisch-sittliche und religionspolitische Überzeugungen und Wertvorstellungen ist. Dabei bedient es sich besonderer Dramenfiguren, die als positive oder negative Exempel dem Publikum eine Handlungsanleitung oder eine Warnung vor Augen stellen. Insofern derartige Exempelfiguren Tugenden oder Laster verkörpern, stehen sie in ihrer dramatischen und wirkungsästhetischen Funktion allegorischen Spielfiguren nahe. Darüber hinaus wächst das Interesse an historischen Exempelfiguren, die auch in eigenen Sammlungen zusammengetragen werden.

Bisher sind diese Exempelfiguren als solche in ihrer Vielzahl und Vielfalt nicht umfassend untersucht worden, weshalb mit dieser Untersuchung zugleich ein von Wolfgang Friedrich Michael konstatiertes Forschungsdesiderat erfüllt werden kann. Dieser hat in seinem Forschungsbericht zum deutschen Drama der Reformationszeit kritisiert, daß die meisten bisher publizierten Arbeiten zum Theater dieser Epoche einzelnen Autoren und ihrem Werk (wie dem genannten Thomas Naogeorg) oder einem einzigen Dramenstoff (wie dem des verlorenen Sohnes oder Josephs) galten. Demgegenüber stellt er einen großen Mangel an Untersuchungen fest, die diese Stücke unter einem übergreifenden Gesichtspunkt behandeln. Sucht man diese Lücke zu schließen, erfordert die große Zahl der erhaltenen Dramen der Reformationszeit und ihrer Exempelfiguren jedoch eine spezifische Themenstellung, die sich aufgrund stofflicher, konfessioneller, geographischer und zeitlicher Gesichtspunkte rechtfertigen läßt.

Diese Untersuchung beschränkt sich auf die im Bibeldrama auftretenden Exempelfiguren und läßt Dramatisierungen anderer Stoffe unberücksichtigt. Denn der hohe Stellenwert der Bibel und der neue Umgang mit ihr in Theologie und Gesellschaft der Reformationszeit – es seien nur das sola scriptura-Prinzip (die Schrift als alleinige norma normans), der Primat des literalen Schriftsinns in der Bibelexegese und die Lutherbibel als Volksbuch sowie die von ihr geprägten katholischen Konkurrenzübersetzungen genannt – machen die Frage besonders reizvoll, wie die Personen biblischer Stoffe, zumeist alttestamentlicher Erzählungen und neutestamentlicher Parabeln, zu Exempelfiguren gestaltet, gesteigert und als solche gedeutet worden sind. Hierfür bietet das Bibeldrama – der weitaus größte Stoffbereich im Drama der Reformationszeit – ein reiches Forschungsmaterial von über 200 Spielen, von denen ungefähr 120 in die Untersuchung Eingang gefunden haben. In diesen treten zahlreiche Figuren wie z.B. Esther, Abraham, Absalom, Daniel, Salomo, Ahab und Nabot, Tobias, der barmherzige Samariter und der verlorene Sohn auf.

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Zusammenfassung und Ausblick

Das Bibeldrama bildet eine Dramenart, die in den konfessionellen Auseinandersetzungen des 16. Jahrhunderts mit weiter geographischer Verbreitung und hoher Quantität eine Spitzenposition in der Gattung erreicht. Nach Luthers Empfehlung des Dramas als Erziehungsmedium im Glaubensumbruch und seiner – am Altersbeweis orientierten – Herleitung aus jüdischer statt aus griechischer Tradition erhalten auf protestantischer Seite Dramen mit biblischen Stoffen etwa durch das sola scriptura-Prinzip eine Vorrangstellung, die sich in einer großen Zahl von lateinischen und deutschen Dramen niederschlägt.

Die Fragestellung dieser Arbeit konzentrierte sich v.a. auf jenen Aspekt der Dramen, den ihre Schöpfer und Träger vor anderem intendierten: auf die Wertevermittlung, d.h. auf die dramatisch aufbereitete Erläuterung protestantischer Theologie und Ethik. Im Gegensatz zu früherer Orientierung der Forschung an aristotelischer oder klassisch-neuzeitlicher Dramenauffassung und -theorie, die sich für die Bewertung des 16. Jahrhunderts oft mit einer dieser Epoche inadäquaten Polemik gegenüber den theologischen und ethischen Aussagen der Dramen verband und diese daher mit Urteilen wie ›Tendenz-Dramatik‹ oder ›lederne Moral‹ diffamierte oder die Wirkungsabsichten des Bibeldramas bei dessen Behandlung möglichst umging, wurde hier gerade das Hauptgewicht auf die differenzierte Erschließung der in der theatralen Kommunikationsform transportierten Botschaft oder Lehre gelegt. Sie gab dem Theater der Reformation seinen genuinen Ort im gesellschaftlichen Handeln, d.h. in der Vermittlung der neuen Lehre wie auch im Kampf der Konfessionen.

Die Exempelfiguren der Bibeldramen sind in dieser Untersuchung den Hauptpunkten der protestantischen Dogmatik und Ethik zugeordnet; dabei wurden die Themen der reformatorischen Theologie anhand der bewährten Kompendien von Paul Althaus erfaßt. Das weite Panorama theologischer Grundfragen, das sich so zeigte, erstreckt sich vom Sündenfall über die Rechtfertigung bis zu den Letzten Dingen. Die ethischen Modellfälle reichen von der Einrichtung der gottgewollten gesellschaftlichen Ordnung bis zu den im Dramenpersonal inkorporierten Pflichtenlehren, die für die verschiedenen sozialen Stände und Funktionsträger vom Kirchenregiment über die Amtsträger der Politik bis zum Haus als privatem Kosmos von Ämtern und Pflichten gelten. Die biblische Exempelgestalt wird so in der theatralen Performanz zum Vorbild oder abschreckenden Beispiel für das Theaterpublikum oder den Leser des Textes wie zum lebhaft erklärenden Vermittler der in dieser Form präsentierten intellektuellen und moralischen Orientierung.

Ein wichtiges Ziel dieser Untersuchung ist erreicht, wenn deutlich geworden ist, daß die Bibeldramen der Reformationszeit als theologisch-didaktische Werke im Theatergewand, als ausführliche Illustrationen einzelner Loci auf der Bühne, zu verstehen und in erster Linie unter diesem Aspekt zu bewerten sind. Unabhängig davon, wie man den Protestantismus und den Katholizismus der Reformationszeit beurteilt, verdient das bei vielen Dramatikern erkennbare mutige Eintreten für ihre Glaubensüberzeugungen große Achtung. Stellvertretend für viele sei an die leidvollen Schicksale des Niederländers Wilhelm Gnapheus (Verbannung), des Bayern Thomas Naogeorg (Flucht aus Kursachsen und unstetes Leben) und des Österreichers Simon Gerengel (Kerkerhaft) erinnert, die von einem ehrlichen Bemühen um die Erziehung der Jugend und der Gesamtgesellschaft in den für notwendig erachteten biblischen Normen erfüllt waren und dafür auch in der Verfolgung einstanden.

Mit dem Ende der Reformationszeit schwindet allmählich auch die theatergeschichtliche Bedeutung des vom Protestantismus geprägten Dramas dieser bewegten Epoche mit seiner »bunten Vielfalt« an Stoffen, Formen, Genres, Zwecken und Ideen, das sich darum anders als das Drama des Mittelalters einer einfachen Klassifizierung nach stofflichen, soziologischen, topographisch-geographischen, religiösen oder bühnentypologischen Gesichtspunkten entzieht. Zwar fahren zahlreiche Autoren schon aufgrund der in den evangelischen Schulordnungen institutionalisierten Aufführungen in der gewohnten Art mit der Produktion von Bühnenspielen fort. Weiterhin ordnen sie Historien biblischer Personen als Exempel für dogmatische oder ethische Lehren unter Anwendung von Melanchthons Lokalmethode theologischen Themen zu und bringen sie auf die Bühne und in den Druck. Aber die bisher fast erdrückende Dominanz protestantischer Theologen im Pfarrer- oder Lehrerberuf unter den Dramatikern nimmt ab. Die durch die Gegenreformation und die mittlerweile defensive Haltung des Protestantismus veränderte gesellschaftliche Situation spiegelt sich in einem Wandel der Theaterlandschaft im Konfessionellen Zeitalter bzw. im Frühbarock wider. Während das protestantische Bibeldrama – wie auch das geistliche Spiel mittelalterlicher Prägung des 16. Jahrhunderts in den katholisch gebliebenen Gebieten – kaum noch Impulse bringt, setzt das aufkommende Jesuitentheater mit seinen meist anonym bleibenden Autoren kraftvoll Akzente, so durch eine technische und multimediale Perfektionierung der Inszenierung, die Einrichtung fester Bühnen und die hauptsächliche Ausrichtung auf die Beeinflussung der gesellschaftlichen Eliten anstelle der Unterweisung möglichst weiter Volkskreise. Neu ist auch die Professionalisierung von Schauspielern durch das aus Frankreich, Italien und besonders England stammende Berufsschauspielertum, das im Deutschland des 17. Jahrhunderts Einzug hält und die zunehmende Emanzipation des Theaters von religiösen und konfessionellen Bindungen begleitet.

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Rezensionen:

»Die [...] Arbeit leistet [...] einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Dramen dieser Zeit.«

Veronika Marschall, in: Germanistik 49, Heft 3–4 (2009), S. 755f.

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»[...] ein literaturgeschichtlich wichtiges Buch [...]«

»[...] eine herausragende philologische Arbeit [...]«

Kai Bremer, in: Arbitrium 27, Heft 3 (2009), S. 297f.

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Regina Toepfer, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 132, Heft 1 (2010), S. 148–152.

* * *

Anna Linton, in: Modern Language Review 105, Heft 1 (2010), S. 271f.

* * *

Zeitschrift für Kirchengeschichte 2009.

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Literaturwissenschaftliches Jahrbuch. Im Auftrage der Görres-Gesellschaft herausgegeben 2009.

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