Joachim Poeschke, Thomas Weigel, Britta Kusch (Hgg.)

Tugenden und Affekte in der Philosophie, Literatur und Kunst der Renaissance

Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme –
Schriftenreihe des Sonderforschungsbereichs 496
Band 1

2002, 256 Seiten, 12 Beiträge, 46 Abbildungen, Harteinband
2002, 256 pages, 12 essays, 46 figures, hardcover

ISBN 978-3-930454-33-4
Preis/price EUR 42,–

17 × 24cm (B×H), 750g

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Zum Inhalt:

Der Antagonismus von Tugenden und Affekten war eines der großen Themen der Moralphilosophie von der Antike bis in die Neuzeit. In der Renaissance stand die Diskussion darüber ganz im Zeichen der aristotelischen Ethik einerseits und der stoischen Affektenlehre andererseits. Eine stärkere Resonanz als der stoischen Sicht, die auf eine völlige Befreiung von den Affekten abzielte, war jedoch seit dem späten 14. Jahrhundert der peripatetischen Lehre von der Mäßigung der Affekte durch die Vernunft und von der Tugend als dem Mittleren zwischen den Extremen beschieden. Schon Coluccio Salutati ergriff mit Nachdruck für sie Partei und sein Schüler und späterer Nachfolger im Amt des florentinischen Staatskanzlers, Leonardo Bruni, der 1416/18 eine neue Übersetzung der »Nikomachischen Ethik« anfertigte und in seinem wenige Jahre danach verfaßten »Isagogicon moralis disciplinae« die Lehrmeinungen der Peripatetiker, Stoiker und Epikureer gegeneinander abwog, war zeitlebens einer der eifrigsten Verfechter der aristotelischen Tugendethik. Deren Wirkung blieb in der Renaissance jedoch nicht auf Florenz beschränkt, sondern reichte weit darüber hinaus, und erstreckte sich auch keineswegs nur auf die Moralphilosophie, sondern auch auf die Dichtung, die Redekunst und die Poetik sowie auf die Musik, die bildende Kunst und die Kunsttheorie. Denn keine der genannten Künste konnte letztlich ohne die Erregung von Affekten auskommen, auch und gerade dann nicht, wenn es galt, erbauend und belehrend auf das Publikum einzuwirken. Die rhetorische Frage »Sinnliche Wege zur Tugend?«, die als Obertitel über einem der Beiträge des Buches steht, kann daher zugleich als der rote Faden verstanden werden, der sich durch diese insgesamt hindurchzieht.

Während es der aristotelischen Rhetorik – anders als der Poetik – vor allem um eine möglichst kunstgerechte Erregung von Affekten im Zuhörer ging, ohne daß sich damit moralpädagogische Absichten verbanden, kennzeichneten solche erzieherischen Intentionen, die mit dem Bewegen des Gemütes nicht nur erfreuen wollten, sondern damit auch das Ziel der Belehrung verknüpften, in besonderem Maße die römische Rhetorik. Deren Aufleben war daher – zusammen mit dem für diese Epoche kennzeichnenden wachsenden Individualitätsbewußtsein und der mit diesem einhergehenden Emanzipation der Affekte – zweifellos eine der Hauptursachen dafür, daß sich in der Renaissance die Evokation von Affekten zu einem virtuos gehandhabten Instrument künstlerisch-rhetorischer Vermittlung ethischer und sozialer Normen entwickelte. Daß unter diesen Normen die Mäßigung der Affekte einen hervorragenden Platz einnahm, machte sie nicht nur zu einem Hauptthema der symbolischen Wertevermittlung, sondern erforderte auch ein neues und vertieftes Reflektieren der ihrer Rolle angemessenen darstellerischen Mittel, eine ihr adäquate Dramaturgie, die der Affektkontrolle im literarischen, musikalischen und bildlichen Kunstwerk nicht weniger als der Affekterregung Rechnung trug. In welcher Weise dies geschah und wie dabei das Kräftespiel von Affektregie und Tugendlehre, von affizierenden und exhortativen Mitteln und Inhalten beschaffen sein konnte, wird in dem vorliegenden Band in Einzelanalysen auseinandergesetzt.

Der Band »Tugenden und Affekte in der Philosophie, Literatur und Kunst der Renaissance« versammelt die Beiträge eines Kolloquiums, das im Januar 2002 im Rahmen des Sonderforschungsbereiches 496 »Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur Französischen Revolution« im Institut für Kunstgeschichte der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster stattfand. Entsprechend der interdisziplinären Ausrichtung dieses Forschungsverbundes und insbesondere jener drei mit Tugendlehren und Wertesystemen in der frühen Neuzeit befaßten Teilprojekte der Kunstgeschichte (»Virtus in der Kunst und Kunsttheorie der italienischen Renaissance«), der Philosophie (»Grundlagen und Typen der Tugendethik«) und der Mittel- und Neulateinischen Philologie (»Theatralische und soziale Kommunikation: Funktionen des städtischen und höfischen Spiels in Spätmittelalter und früher Neuzeit«) betreffen die hier vorgelegten Beiträge die engeren Fachgrenzen überschreitende Themen eben jener genannten Disziplinen, darüber hinaus aber auch solche der Romanistik und der Musikwissenschaft.

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Die Autoren und ihre Beiträge:

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Christof Rapp:
Kunstgemäß erzeugte Affekte in Aristoteles' »Rhetorik«

Andreas Vieth:
Verzauberung der Affekte –
Symbolische Kommunikation der Tugend

Rainer Stillers:
Sinnliche Wege zur Tugend? –
Sinne, Affekte und moralische Intention in zwei narrativen Werken Giovanni Boccaccios

Eckhard Keßler:
Emanzipation der Affekte? –
Tugenden und Affekte im frühen Italienischen Humanismus

Klaus Wolfgang Niemöller:
Tradition und Innovation des Affekt-Denkens im Musikschrifttum des 16. Jahrhunderts

Michael Zywietz:
Affektdarstellung und Affektkontrolle in den »Bußpsalmen« des Orlando di Lasso

Claudia Spanily:
Affekte als Handlanger des Teufels und Mittler des Heils in der »Erfurter Moralität«

Volker Janning:
Zur Darstellung, Erregung und Kontrolle von Affekten im Chor des neulateinischen Dramas

Heinz Meyer:
»Theatrum Affectuum Humanorum« bei Franciscus Lang S.J. –
Ein Hinweis zu den Affekten auf der Jesuitenbühne

Joachim Poeschke:
Motus und modestia in der Kunst, Kunsttheorie und Tugendlehre der Florentiner Frührenaissance

Peter Krüger:
Istoria und virtus bei Alberti und in der Malerei der frühen Renaissance

Hubert Locher:
Erbauliche Kunst? –
Tugend- und Moralvermittlung als Motivation des frühneuzeitlichen »Gemäldes«


Näheres zu den Beiträgen:

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Andreas Vieth:
Verzauberung der Affekte –
Symbolische Kommunikation der Tugend

Die Verzauberung der Affekte ist ein zentraler Aspekt des antiken Tugendverständnisses. Wenn eine tugendhafte Person für eine Situation in angemessener Weise empfänglich ist und somit richtig, gut und schön handelt, dann heißt das immer auch, daß sie in bestimmter Weise emotional affiziert wird. Sie wird von einer Situation »verzaubert«. In antiken Tugendethiken wird die Motivation zu gutem und richtigem Handeln nicht nur im Sinne eines diskursiven Reflexionsprozesses verstanden, an dessen Ende man eine Maxime erfaßt, aufgrund der man dann handelt. Situationen verzaubern den Handelnden, insofern sie ihn direkt und ohne Umweg über Reflexionen motivieren. Platon macht dies am Beispiel der Musik deutlich. Unabhängig vom bewußten, reflexiven Verstehen wird der Hörer von den Rhythmen und Harmonien der Musik in ihren Bann gezogen und fasziniert, wenn sie gut sind. In der Affizierung werden die Hörer tugendhafter, wenn die Musik in sich Wahrheit verkörpert. Bei Platon ist diese direkte (d.h. kausale) Veränderung einer Person in Richtung auf die Tugend hin ein wichtiges Hilfsmittel der Erziehung von Personen, deren Vernunft noch nicht voll ausgebildet ist, die man also nicht durch Appell an ihr vernünftiges und rationales Verstehen beeinflussen kann. Musik kann also ein Mittel der direkten Kommunikation der Tugend sein. Dies gilt im Prinzip auch für die Sprache. In der antiken Rhetorik wurde die »Verzauberung der Affekte« wissenschaftlich untersucht. Gorgias entwickelt hierfür in seinem Enkomion der Helena eine Theorie der rhetorischen Verzauberung und konkretisiert damit ein wichtiges Prinzip der antiken Tugendethik, das in modernen Ethikansätzen aufgrund metaethischer Prämissen in der Nachfolge der Aufklärung keine Beachtung mehr findet.

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Eckhard Keßler:
Emanzipation der Affekte? –
Tugenden und Affekte im frühen Italienischen Humanismus

Der Beitrag untersucht das Verhältnis von Tugenden und Affekten in der Philosophie der italienischen Humanisten zwischen 1350 und 1450, zwischen der Blütezeit Petrarcas und der Platon-Rezeption Ficinos, in dem nicht unwesentliche Veränderungen und Verschiebungen zugunsten der letzteren stattgefunden haben. Er skizziert zunächst die allgemeine Struktur dieses Verhältnisses, und ihre vorgegebenen Konkretisierungen in der aristotelischen und der stoischen Tradition sowie im Christentum, er fragt nach den Gründen für deren Labilisierung im Übergang vom Mittelalter zur Renaissance und er stellt anschließend am Beispiel von Francesco Petrarca, Coluccio Salutati und Lorenzo Valla drei Modelle zu ihrer erneuten Stabilisierung vor.

Als Ergebnis scheint sich in der Entwicklung von Petrarca über Salutati bis zu Valla ein Prozeß der zunehmenden Emanzipation der Emotionen und Affekte zu ergeben, der aber vom Prozeß einer ebenso zunehmenden, auf rhetorischer Argumentationskunst beruhenden Fähigkeit, diese Affektivität neuerdings zu kontrollieren und zu begrenzen, begleitet ist. Der Tendenz zur Emanzipation des Affektiven wird also offenbar nur in dem Maße gefolgt, in dem gleichzeitig neue Strategien zu seiner Beherrschung entwickelt werden können.

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Klaus Wolfgang Niemöller:
Tradition und Innovation des Affekt-Denkens im Musikschrifttum des 16. Jahrhunderts

Bereits im Mittelalter wirkt die antike Ethoslehre in der Charakteristik der Kirchentonarten weiter. Hier konkretisiert sich der immer wieder zitierte Ausspruch von Isidor von Sevilla (600): »Musik bewegt die Affekte«. Auch die Gesangsmelodien des gregorianischen Gesangs sollen die effectus der Worte intensivieren. In Humanismus und Renaissance wird dann immer wieder die Forderung erhoben, daß die kompositorische Gestaltung dem verschiedenen Affektausdruck der Worte entsprechen soll. Es kommt so von der Affektwirkungstheorie zu einer Affektdarstellungstheorie, die lehrt, Ideen und Leidenschaften der Texte in der Musik nachzuahmen. Diese führte nach den entsprechenden Werkvorreden von Opern und Solomadrigalen um 1600 dazu, daß seit dem Frühbarock der Affektausdruck zur alleinigen ästhetischen Richtschnur wird.

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Claudia Spanily:
Affekte als Handlanger des Teufels und Mittler des Heils in der »Erfurter Moralität«

Die »Erfurter Moralität«, ein noch nicht ediertes monumentales Schauspiel (ca. 18.000 Verse) des 15. Jahrhunderts, wurde im Hinblick auf die Frage untersucht, wie Affekte gewertet und eingesetzt werden. Dabei zeigte sich, daß es dem Autor des Spiels zum einen darum ging, möglichst eindringlich die vernunftgesteuerte Standhaftigkeit gegenüber bestimmten Affekten, nämlich solchen, die auf diesseitige Sinnenfreuden ausgerichtet sind, zu propagieren, und zum anderen beim Publikum die aktive Hinwendung zu den Tugenden zu fördern, vor allem – da die Anfälligkeit des Menschen speziell für affektbesetzte Laster zwar nicht akzeptiert, aber doch zur Kenntnis genommen wird – zum tugendhaften Affekt der Reue. Der Autor des Schauspiels leistet dabei dreierlei: Er belehrt sein Publikum über die Beschaffenheit und Wirkungsweise von Affekten durch Reden einzelner Spielfiguren (oft in einem rhetorisch geformten Predigtstil), er stellt diese Gefühlsdispositionen an den Fallbeispielen der Protagonisten auf der Bühne dar, und er ermöglicht über die Identifikation des Zuschauers mit einzelnen Figuren ein emotionales Vorausleben bzw. Miterleben bestimmter Affekte. Eindrucksvolle Bühnenbilder, eine entsprechende Musik, aber auch Mimik, Gestik und den Redestil der Figuren nutzt er, um tiefgreifend und effektiv zu belehren und das zukünftige Verhalten des Publikums im Sinne der dem Spiel zugrundeliegenden moralisch-theologischen und ethischen Werte zu beeinflussen.

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Volker Janning:
Zur Darstellung, Erregung und Kontrolle von Affekten im Chor des neulateinischen Dramas

Neben schulischen Lernzielen wie der Vertiefung sprachlicher Fähigkeiten dient das neulateinische Drama vor allem der Propagierung politischer, bildungstheoretischer, ethischer, religiöser oder konfessionsspezifischer Überzeugungen und Wertvorstellungen. Hierbei kann dem Chor eine wichtige Rolle zukommen, da dieses innerdramatische Element innerhalb oder am Ende der Akte durch seine Kommentare und Wertungen die Rezeption der jeweiligen Theaterstücke zu steuern vermag. Angesichts des lehrhaften Charakters vieler neulateinischer Dramen gewinnt dabei die Frage an Bedeutung, wie sich der Chor speziell zu heftigen und gefährlichen Affekten, durch die sich die Spielfiguren auf der Bühne bestimmen lassen, äußern kann. Der Beitrag geht dieser Frage nach und unterscheidet zunächst vier verschiedene Möglichkeiten des Chores zur Affektdarstellung, -erregung und -regulierung. So kann der Chor selbst die Empfindung eines Affektes artikulieren oder Affekte im Zuschauer bzw. Leser zur Vermittlung ethischer oder religiöser Überzeugungen zu erregen suchen. Er kann außerdem Wesen und Wirkungen eines Affektes näher beschreiben und schließlich unterschiedliche Lebensformen, Tugenden oder Laster im Sinne einer Affektregulierung kritisieren oder loben. Der Aufsatz befaßt sich nach dieser Analyse mit Chorbeschreibungen über Wesen und Wirkungen der leidenschaftlichen Liebe in sieben Tragödien und zeigt, daß die Chöre dieser Tragödien die negativen Auswirkungen des Liebesaffektes sowohl für das persönliche Wohlergehen und Seelenheil also auch für das menschliche Zusammenleben betonen, um vor diesem Affekt zu warnen.

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Heinz Meyer:
»Theatrum Affectuum Humanorum« bei Franciscus Lang S.J. –
Ein Hinweis zu den Affekten auf der Jesuitenbühne

Franciscus Lang (1654–1725) war als Autor und Theoretiker, Veranstalter und Sammler einer der wichtigsten Repräsentanten des Jesuitentheaters in der Zeit um 1700. Mit »Theatrum affectuum humanorum« hat Lang den mittleren Teil einer Trilogie von Meditationsstücken (»Considerationes«) betitelt, die er als Präfekt der Michaelskirche in München und Leiter der dortigen Marianischen Kongregation während der vorösterlichen Zeit zur Aufführung brachte und 1717 in den Druck gab. Im Titelkupfer dieser Ausgabe sind die Grundaffekte nach dem für die Jesuiten gültigen System bildlich dargestellt.

In seiner Abhandlung über die Schauspielkunst (»Dissertatio de actione scenica«) behandelte Lang die Affekte in den Abschnitten über Mimik und Gestik, über die Tragödie und Komödie sowie in einem Anhang über die Symbolausstattung allegorischer Spielfiguren. – Der Beitrag stellt die wichtigsten Aussagen Langs vor und erläutert ihre Bedeutung hinsichtlich der jesuitischen Lehre von den »passiones animae« in aristotelisch-scholastischer Tradition, der Merkmale der Tragödie nach Gesichtspunkten der Wirkungspoetik, der Leistung des Schauspielers beim Ausdruck von Affekten sowie der Darstellung der personifizierten Affekte nach Lehrbüchern der Symbolik, in Bildzeugnissen und auf der Jesuitenbühne.

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Hubert Locher:
Erbauliche Kunst? –
Tugend- und Moralvermittlung als Motivation des frühneuzeitlichen »Gemäldes«

Der Beitrag erörtert die Frage nach der Motivation des Bildkonzepts der historia wie sie von Leon Battista Alberti konzipiert wurde, besonders anhand einer Analyse ihrer spezifischen Ausformulierung in der versuchsweise so benannten Studiolo-historia. Grundgedanke ist, daß die Albertische historia generell auf die Vermittlung von Ideen, insbesondere aber auf die Beförderung von Tugendhaftigkeit und Moral abzielt und dies, gemäß dem Modell der Rhetorik, auch durch Affektübertragung erreichen will, die nicht mehr allein der Entfachung religiöser Devotion dient, wie im älteren »Andachtsbild«, sondern idealerweise zur verstandesmäßigen Einsicht, zum Nachdenken über ein verbildlichtes Argumentes führen soll. Es wird schließlich festgestellt, daß die skizzierte Anfangsmotivation der Gattung (oder Untergattung) schon im reifen Werk Tizians zu Gunsten einer weniger intellektualistischen, stärker den elementaren Sinnenreiz thematisierenden Malerei an Bedeutung verliert.

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