Jürg Meyer zur Capellen, Daniela Winkelhaus-Elsing, Christine Pielken

Alfred Hrdlicka
Die Ästhetik des Grauens

Der Wiedertäufer-Zyklus

2003, 96 Seiten, 4 Beiträge, Katalog , zahlreiche Abbildungen (16 Seiten vierfarbig), Harteinband
2003, 96 pages, 4 essays, catalogue , numerous figures (16 pages in color), hardcover

ISBN 978-3-930454-43-4
Preis/price EUR 12,80

21 × 21cm (B×H), 420g

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Kurzzusammenfassung / short summary:

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In der Auseinandersetzung mit dem Oeuvre des zeitgenössischen Künstlers Alfred Hrdlicka scheiden sich die Geister. Zeit seines Schaffens geht der Wiener auf die Barrikaden – gegen Krieg, gegen Unterdrückung, gegen Machtmissbrauch. Seine Werke schöpfen aus dem gigantischen Repertoire von Ereignissen aus Geschichte und Gegenwart und zeigen besondere Leidenschaft zur rücksichtslosen Entlarvung. Hrdlickas Bildersprache ist zwar gegenständlich, aber alles andere als einfach zugänglich – sie irritiert, verstört, sie rüttelt auf und mahnt – und kennt kein Tabu.

Die 30 Arbeiten, die sich im Besitz der Westfälischen Wilhelms-Universität befinden, zeigen einen beispielhaften Ausschnitt dieses Schaffens. Thematische Schwerpunkte der universitären Sammlung bilden die 13 Zeichnungen der Serie Die Wiedertäufer (1993 und 1997) und die Arbeiten des Druckzyklus Wie ein Totentanz – die Ereignisse des 20. Juli 1944 (1974).

Diese Publikation widmet sich dem Anliegen, die ebenso außergewöhnliche wie umstrittene Sammlung dem kritischen Publikum näher zu bringen, indem sie die exzessiven und gewaltgeladenen Darstellungen entschlüsselt und kommentiert. Die Ästhetik des Grauens, der sich Alfred Hrdlicka offensichtlich verschrieben hat, übt ihre eigene Faszination aus, der sich die Autoren aus Perspektive verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen zu nähern versuchen.


Aus dem Inhalt / from the book:

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Jürgen Schmidt:
Vorwort

Jürg Meyer zur Capellen:
Einführung

Peter Johanek:
Die Wiedertäufer und wir –
Historische Betrachtungen

Walter Schurian:
Im Laufrad der Geschichte –
Zu Alfred Hrdlickas Zyklus »Die Wiedertäufer«

Konrad Paul Liessmann:
Der hässliche Mensch –
Ästhetische Streifzüge durch das entstellte Gesicht

Daniela Winkelhaus-Elsing:
Provokation oder Illustration?
Erläuterndes zu den »Wiedertäufern«

Christine Pielken:
Der Mensch ist des Menschen Tod –
Zur Hrdlicka-Druckgraphiksammlung der Universität

Anhang:
Katalog

Kurzbiographie Alfred Hrdlicka

Abbildungsnachweis


Auszüge aus den Beiträgen / excerpts from the articles:

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Jürg Meyer zur Capellen:
Einführung

Alfred Hrdlickas Zyklus von Zeichnungen zum Thema der Münsteraner Wiedertäufer (1993/97) ist seit 1999 im Schloss zu Münster zu sehen, dem Sitz des Rektorates und eines Teils der Verwaltung der Westfälischen Wilhelms-Universität. An einem zugänglichen Ort und dennoch ein wenig abgelegen hat dieser Zyklus kaum die Beachtung einer größeren Öffentlichkeit erfahren. Wenn sich Reaktionen erkennen ließen, so waren diese häufig von Ablehnung, zumindest aber von einer tiefen Irritation gekennzeichnet. Es sind insbesondere die Darstellungen der rohen Gewalt, mehr noch jene der sexuellen Ausschweifung oder gerade die Verbindung von beiden, welche Unverständnis und Ablehnung hervorriefen. Hier genügt nicht der Hinweis darauf, dass sich der Zyklus zu den Wiedertäufern nahtlos in das graphische Werk von Hrdlicka einfügt und dass diesem in Fachkreisen eine hohe künstlerische Bedeutung zuerkannt wird. Auch hilft kaum der Verweis, dass die Zeit der Wiedertäufer in Münster in hohem Maße durch Exzesse dieser Art gekennzeichnet war. Zum Verständnis ist es vielmehr nötig, diesen Zyklus einer genaueren Betrachtung zu unterziehen und ihn in seinen historischen und künstlerischen Kontext zu stellen.

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Peter Johanek:
Die Wiedertäufer und wir – Historische Betrachtungen

Auf den 20. Mai 1534, also heute vor 465 Jahren, hatte Bischof Franz von Münster aus dem Hause Waldeck den Beginn der Beschießung der Stadt Münster angesetzt, in der die Täufer ihre Herrschaft errichtet hatten und das Gottesreich ihrer Vorstellung zu verwirklichen suchten. Die Belagerung Sions durch den apokalyptischen Drachen setzte nun im Ernst ein. Zu Jahresanfang waren die ersten Taufen durch die niederländischen Melchioriten erfolgt, keine drei Monate zuvor, am 23. Februar, war die legale Machtergreifung der Täufer bei der Ratswahl erfolgt, etwa sechs Wochen war es her, dass an Ostern der Prophet Jan Mathijs aus der Stadt in den Tod gegangen war. Etwa vier Wochen später, am 16. Juni, wird Hille Feicken aus der Stadt gehen, köstlich angetan, um als eine andere Judith den Bischof zu töten, und sie wird dabei scheitern. Am 31. August, also etwa nach einem weiteren Vierteljahr, werden die Täufer den Sturm der Belagerer abschlagen und Anfang September Jan van Leiden zum König des neuen Sion erheben. Dann, während des Winters, wird der Hunger kommen, und am 24. Juni, in der Johannisnacht 1535 wird alles zu Ende sein. Die bischöflichen Truppen erobern die Stadt, Überläufer haben ihnen den Weg gewiesen und die Tore geöffnet, und wiederum etwas über ein halbes Jahr später am 25. Jänner 1536 werden die gefangenen Anführer der Täufer – Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling – auf dem Prinzipalmarkt hingerichtet, mit glühenden Zangen zu Tode gemartert und erdolcht.

Folter-Zangen

(Dr. Johanek ist seit 1985 Professor (heute em.) für Westfälische Landesgeschichte und mittelalterliche Geschichte und Direktor des Instituts für vergleichende Städtegeschichte an der Universität Münster. Der hier abgedruckte Text gibt den Vortrag wieder, den er am 20. Mai 1999 bei der Übergabe des Zyklus »Die Wiedertäufer« von Alfred Hrdlicka an die Westfälische Wilhelms-Universität in der Aula des Schlosses zu Münster gehalten hat. Die situationsbezogene Form des Beitrages wurde beibehalten. Auf Anmerkungen wird verzichtet, und es sei lediglich auf einige grundlegende Literaturtitel verwiesen, die auch den Weg zu den Zitaten im Text erschließen.)

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Walter Schurian:
Im Laufrad der Geschichte – Zu Alfred Hrdlickas Zyklus Die Wiedertäufer

In seinem Zyklus von Zeichnungen zum Thema Wiedertäufer hat Alfred Hrdlicka ein Sujet gefunden und eindrücklich verarbeitet, das ihn im wesentlichen seit den Anfängen seiner künstlerischen Entwicklung immer wieder und zentral beschäftigt hat: Die ästhetische Umsetzung, das Darstellen und das künstlerische Aufzeigen der unterschiedlichen Verlaufsformen aller Arten von politischen, religiösen und weltanschaulichen Ideologien in der Wirklichkeit. Einzeln, sozial, global – immer und überall.

Taeufer-Zyklus-13-Kaefige

Wie im Fall der Wiedertäufer in Münster um 1530, geht es diesem Künstler um die Möglichkeit einer ästhetischen Verarbeitung und einer Ansicht von einer tatsächlichen Verwirklichung einer Weltanschauung – der Verwirklichung einer Idee, einer Vision, einer Vorstellung, einer chiliastischen und eschatologischen Heilslehre. Kurz: Es geht um Ideologie und um Religion und deren Auswirkungen auf reale und, wie in diesem singulären Fall, auf eine in die Tat umgesetzte Politik, welcher zwar zeitlich keine allzu lange Dauer beschieden war, die aber dennoch als historisch und auch als historisch einmalig eingeordnet werden muss. Ernst Bloch meint dazu: »Niemals hat die Menschheit Tieferes gewollt und erfahren als in den Intentionen dieses Täufertums, hin zur mystischen Demokratie.«

(Die Idee zum Zyklus »Die Wiedertäufer« geht unter anderem zurück auf die Zusammenarbeit und die Freundschaft des Künstlers mit dem Autor. Dr. Schurian war von 1973 bis 2003 als Professor am Institut für Allgemeine und Angewandte Psychologie der Universität Münster tätig. Seiner Vermittlung ist zudem nicht nur die Ausstellung der großformatigen Werke »Metamorphose der Endlösung« (1974/75), Alfred Hrdlicka, und »Aufruf zur Verteidigung der persönlichen Freiheit« (1974–78), Rudolf Hausner, im Schlossfoyer zu verdanken. Darüber hinaus schenkte Prof. Schurian aus Anlass seiner Emeritierung der Universität Münster 16 Druckgraphiken Hrdlickas aus seinem privaten Besitz, die den »Kunstraum Universität« entscheidend bereichert haben.)

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Konrad Paul Liessmann:
Der hässliche Mensch – Ästhetische Streifzüge durch das entstellte Gesicht

Unter dem Stichwort »Am häßlichsten« notierte sich Friedrich Nietzsche in seiner ersten Aphorismensammlung Menschliches, Allzumenschliches einmal folgendes: »Es ist zu bezweifeln, ob ein Vielgereister irgendwo in der Welt hässlichere Gegenden gefunden hat, als im menschlichen Gesichte.« Zu diesem scharfen Urteil korrespondiert eine persönlich gehaltene Notiz vom Sommer 1883: »Jedesmal, daß ich eine scharfe Brille aufsetze, wundere ich mich, wie häßlich die Menschen sind und wie man es unter ihnen aushält.« Solche Aversion gegen die physische Präsenz von Menschen war bei Nietzsche nicht nur Ausdruck einer Misanthropie, sondern in dem Angenehmen oder Unangenehmen, das ein Gesicht, die Gestalt eines Menschen auslösen kann, lag für ihn die Wurzel aller Ästhetik. Das Schöne wie das Hässliche ist eine an die Begegnung mit Menschen gebundene Erfahrungsmöglichkeit, alle weitere ästhetische Klassifizierung von Naturgegenständen oder Kunstwerken, alle ästhetische Urteilskraft ist von dieser Erfahrung abgeleitet.

Ordnung-Wiederhergestellt

Wie kaum ein Denker hat Nietzsche das Problem der Hässlichkeit, jenseits aller allegorischen Konnotationen und theoretischen Implikationen, auch als Resultat einer unmittelbaren Erfahrung mit der menschlichen Physiognomie gedeutet, von der sich die eigentlichen ästhetischen Fragestellungen überhaupt erst ableiten lassen. »Nichts ist schön, nur der Mensch ist schön: auf dieser Naivetät (sic!) ruht alle Aesthetik, sie ist deren erste Wahrheit. Fügen wir sofort noch deren zweite hinzu: Nichts ist hässlich als der entartende Mensch, – damit ist das Reich des ästhetischen Urtheils umgrenzt,« schrieb Nietzsche in der Götzen-Dämmerung und dokumentierte damit, dass das ästhetische Urteil, zumindest wenn es sich auf den Menschen bezieht, immer mehr ist als nur die zum Ausdruck gebrachte Bewertung des Zusammenspiels jener sinnlich relevanten Komponenten, die das Erscheinungsbild eines Menschen dominieren. Einen Menschen hässlich zu nennen, bedeutet mehr, als nur zu sagen, dass sein Äußeres bestimmten ästhetischen Standards nicht entspricht.

(Dr. Liessmann ist seit 1989 Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien. Der hier abgedruckte Text geht zurück auf den gleichnamigen Vortrag Prof. Liessmanns, den er im Rahmen der Magdeburger Tagung »Im Schatten des Schönen, Die Ästhetik des Hässlichen in historischen Ansätzen und aktuellen Debatten« im März dieses Jahres (27.–30. März 2003) gehalten hat.)

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Daniela Winkelhaus-Elsing:
Provokation oder Illustration? Erläuterndes zu den Wiedertäufern

Das umstrittene Werk des Österreichers Alfred Hrdlicka sorgt seit jeher für kontroverse Diskussionen und zwiespältige Reaktionen. So auch in Münster: Seit 1999 hängen 13 Blätter der graphischen Serie Die Wiedertäufer in den Fluren des Schlosses, dem zentralen Sitz der Universität Münster. Auf ganz direkte Weise werden Mitarbeiter der Universitätsverwaltung, Lehrende, Studierende und Besucher mit den zum Teil barbarischen Ereignissen der Münsteraner Täuferherrschaft konfrontiert. Der Betrachter ist in höchstem Maße gefordert, sich mit den dramatischen Darstellungen auseinander zusetzen, die nicht davor zurückschrecken Gewalt, Krieg, Zerstörung und Sexualität in ihrer Brutalität drastisch zu thematisieren.

Enthauptung

Es ist daher nicht erstaunlich, dass die Aufnahme dieser Werke recht unterschiedlich ausfällt. Wird der Ankauf der Serie einerseits als mutiges »Statement« der Universität zur zeitgenössischen Kunst bewertet, stößt er andererseits auf völlige Ablehnung.

Schon seit längerem besteht seitens der Universität der Wunsch, diese außergewöhnliche Graphik-Serie dem kritischen Publikum näher zu bringen. Aufklärungsarbeit soll der Katalog Alfred Hrdlicka. Ästhetik des Grauens – Die Wiedertäufer leisten, der den Zyklus eingehend beschreibt, erläutert und interpretiert.

Tanz-um-Leiche

Es stellt sich die Frage, ob die Werke nur und ausschließlich auf sensationslüsterne Provokation ausgelegt sind. Tatsächlich ist das Werk Alfred Hrdlickas ganz ausdrücklich auf Konfrontation ausgerichtet, doch handelt es sich dabei nicht um das einzige Anliegen des Künstlers. Betrachtet man das Gesamtwerk des Österreichers, so zeigt sich, dass diese drastische Art der Darstellung ein grundsätzliches Charakteristikum seines künstlerischen Ausdrucks ist. Die schonungslose Auseinandersetzung mit Politik, Geschichte und insbesondere mit der eigenen Person ist Gegenstand seiner Arbeiten, die gleichermaßen durch ihr äußeres Erscheinungsbild wie durch ihre inhaltliche Aussage schockierend sein können.

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Christine Pielken:
Der Mensch ist des Menschen Tod –
Zur Hrdlicka-Druckgraphiksammlung der Universität

Zur Überraschung vieler ist der »Hrdlickabestand« an der Universität Münster mit dem Wiedertäufer-Zyklus und der Leihgabe des großformatigen Gemäldes Metamorphose der Endlösung (1974/75) noch lange nicht erschöpft. Denn im Februar dieses Jahres ist die Sammlung durch eine private Schenkung um 16 druckgraphische Arbeiten des Künstlers erweitert worden. Acht der Werke gehören der Graphikserie Wie ein Totentanz. Die Ereignisse des 20. Juli 1944 an. Die weiteren sind graphische Einzelarbeiten oder aus anderen Folgen extrahiert.

Staufenberg

Der Zyklus Wie ein Totentanz. Die Ereignisse des 20. Juli 1944 entsteht im Jahr 1974 und umfasst 53 Arbeiten, dazu 11 Motivvariationen und 6 zusätzliche Blätter, die nicht in den Verlauf des Zyklus integriert sind.

Erhaengung

Er ist die bis dato umfangreichste Graphikfolge Hrdlickas, die zudem durch ihre große Bandbreite der druckgraphischen Mittel hervorsticht. Hrdlicka variiert sowohl die Druckträger als auch die graphischen Werkzeuge und Techniken. Im Verlauf der Episoden korrespondieren verschiedene Formen der Kaltnadel-Radierung, Schabblätter, Aquatinta- und Mezzotinto-Techniken auf Kupfer und Ätzungen auf Zink miteinander.

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