Martin Warnke

Könige als Künstler

30-jähriges Stiftungsjubiläum und Verleihung des Gerda Henkel Preises 2006

Gerda Henkel Vorlesung
Herausgegeben von der Gerda Henkel Stiftung

2007, 80 Seiten, 6 Beiträge, 61 Abbildungen (39 Vierfarbabbildungen, 22 S/W-Abbildungen), broschiert/Fadenheftung
2007, 80 pages, 6 essays, 61 figures (39 color figures, 22 b/w figures), paperback/sewn

ISBN 978-3-930454-69-3
Preis/price EUR 12,–

16,5 × 24cm (B×H), 260g

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Inhaltsverzeichnis:

Zum Geleit
Julia Schulz-Dornburg

Grußwort
Annette Schavan

30-jähriges Jubiläum der Gerda Henkel Stiftung
Michael Hanssler

Bericht der Jury
Ralf Dahrendorf

Laudatio
Christina Weiss

Könige als Künstler (Gerda Henkel Vorlesung)
Martin Warnke

Martin Warnke
Vita, Publikationen


Textauszug:

Sehr jung ist die Meinung, Kunst bilde eine Art Gegenwelt zum Staat; sie sei eine Art Fluchtziel, an das sich begibt, wer den allgegenwärtigen Fängen des Staates ausweichen will; und der Künstler sei eine Art Antitypus zum Staatsmann. Sehr alt ist dagegen die Meinung, es gebe eine Strukturähnlichkeit zwischen dem Schaffen eines Künstlers und dem Handeln eines Staatsmannes.

Platon war wohl der Erste, der in seiner Republik die Analogie so entfaltet hat, dass sie noch auf viele Jahrhunderte nachwirken konnte: Obwohl er von seinem idealen Staat Dichter und Künstler verbannt wissen wollte, fällt ihm doch immer zuerst der Maler ein, wenn er an ein vernünftiges staatliches Handeln denkt. Die Philosophen sind nach ihm deshalb die besten Staatsmänner, weil sie, wie die Maler, »auf das Urbild der Wahrheit hinblicken, alles darauf beziehen und aufs genaueste betrachten können«. Die Philosophen sollen als Staatsführer »Maler von Staatsverfassungen« sein, indem sie sich »nach göttlichem Vorbild richten« und es so beginnen, dass sie »Staat und Sitten der Menschen nehmen und sie reinigen wie Maler eine Tafel«.

Die politische Theorie und die Loblieder auf die Herrscher haben eine Reihe von Bildern und Vergleichen, um die herrscherliche Stellung verständlich zu machen: Der Fürst ist ein Hirte, der seine Herde hütet; er ist der Steuermann, der das Staatsschiff durch die gefahrvollen Klippen und Fluten zu Häfen des Friedens lenkt; er ist der Arzt, der die Glieder des Staatskörpers bei Gesundheit hält; er ist der Maschinist, der die Staatsmaschine oder das Uhrwerk des Staates in Gang hält; ja, das Herrscheramt stellt »ein Gleichnis Gottes« dar, es leistet im »Königreich, was Gott auf der ganzen Welt leistet«. Gegenüber allen diesen Metaphern, die alle auch eine Verbildlichung gefunden haben, zeichnet sich diejenige vom »Staatskünstler« dadurch aus, dass sie allmählich in Praxis umgesetzt wurde, wogegen wir uns nicht vorstellen können, dass Könige je wirklich als Hirten, Steuermänner, als Ärzte oder Maschinisten gearbeitet haben könnten.

Lange aber war auch die Rede vom malenden König nur eine metaphorische Redeweise. Dass Nero musiziert und gemalt habe, berichten Sueton und Tacitus , ähnliche Nachrichten gibt es über Valentinian und Alexander Severus und Konstantin den Großen. Die künstlerische Fähigkeit wird offenbar zu einem panegyrischen Motiv. ...


Zum Autor:

Geboren am 12. Oktober 1937 in Ijui, Brasilien. Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Germanistik in München, Berlin und Madrid; Promotion 1963 an der FU Berlin bei Hans Kauffmann (»Kommentare zu Rubens«). 1964–1965 Volontariat an den Berliner Museen, 1966–1968 Stipendiat in Florenz, 1970 Habilitation in Münster (»Organisation der Hofkunst«), 1971–1978 Professor an der Universität Marburg. 1978 bis zur Emeritierung im April 2003 Professor an der Universität Hamburg. 1983–1984 Wissenschaftskolleg zu Berlin, 1987 Fellow am Getty Center for the History of Art and the Humanities, Santa Monica. 1990 LeibnizPreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 1998–1999 Collegium Budapest, 2005 Stiftung einer MartinWarnkeMedaille durch die Universität Hamburg und die AbyWarburgStiftung für wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiet der Kulturwissenschaft. Mitglied der Akademie für Sprache und Dichtung.

Ausgewählte Publikationen: Kommentare zu Rubens, Berlin 1965; Flämische Malerei des 7. Jahrhunderts, Berlin 1967; Cranachs Luther. Entwürfe für ein Image, Frankfurt/Main 1984; Politische Landschaft: zur Kunstgeschichte der Natur, München 1992; Hofkünstler. Zur Vorgeschichte des modernen Künstlers, Köln 1996; Geschichte der deutschen Kunst. Bd. 2: Spätmittelalter und Frühe Neuzeit 1400–1750, München 1999; Velázquez. Form und Reform, Köln 2005; Peter Paul Rubens. Leben und Werk, Köln 2006.

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