Hermann Parzinger

Archäologie und Politik

Eine Wissenschaft und ihr Weg zum kulturpolitischen Global Player

Gerda Henkel Vorlesung
Herausgegeben von der Gerda Henkel Stiftung

2012, 38 Seiten, 6 Abbildungen, broschiert
2012, 38 pages, 6 figures, paperback

ISBN 978-3-86887-009-1
Preis/price EUR 9,20

16,5 × 24cm (B×H), 150g

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Zum Inhalt:

Die Archäologie spielte seit jeher eine besondere Rolle zwischen Wissenschaft und Politik. Im 19. Jahrhundert waren Großgrabungen an namhaften antiken Stätten wichtig für das nationale Prestige als Kulturnation, und die europäische Mächte lieferten sich einen wahren Wettstreit im Erringen bedeutender Ausgrabungskonzessionen und großartiger Ausstellungsstücke für ihre Nationalmuseen. Doch das ist nicht die ganze Geschichte: Der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck hob bei der Erhebung des Deutschen Archäologischen Instituts zur Staatsanstalt im Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts auch hervor, dass die Archäologie eine internationale Wissenschaft sei, weil sie das gemeinsame kulturelle Fundament Europas stärke, für die damalige Zeit erstaunlich moderne Worte! Archäologie stand also schon sehr früh im Dienste der Politik, doch als Wissenschaft blieb sie unabhängig. Dies änderte sich nach den politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen, die das Ende des Ersten Weltkriegs hervorbrachte. Politische Ideologien bemächtigten sich der Archäologie und trachteten danach, Geschichte umzuschreiben, aus der internationalen Archäologie wurde eine »hervorragend nationale Wissenschaft«. Sie war nicht mehr frei und unabhängig und nahm beträchtlichen Schaden daran.

Doch wo steht die Archäologie in ihrer gesellschaftlichen und politischen Bedeutung heute? Internationale Kooperationen und weltweite Vernetzung von Institutionen und Wissenschaftlern prägen die Archäologie inzwischen stärker als manch anderes Fach. Gleichzeitig wächst das Interesse der Öffentlichkeit an der Entdeckung der frühesten Vergangenheit des Menschen; die Medienresonanz zeigt dies ebenso wie der Besucheransturm der Museen. Und die Archäologie besetzt heute ein weites Feld von Aktivitäten, die von hoher politischer Bedeutung sind: Sie hilft bei der Entwicklung in Rückzugsgebieten, leistet wichtige Beiträge zum sog. Nation Building und ist oft der effektivste Türöffner in den Beziehungen zu schwierigen Ländern.

Großgrabungen im Ausland entwickeln sich von nationalen Außenposten immer mehr zu Knotenpunkten der internationalen Forschung. Ähnliches gilt für die archäologischen Sammlungen in den europäischen Nationalmuseen, die neue Formen des Umgangs und der Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern erfordern. Archäologie schlägt kooperative Brücken im Umgang mit Beutekunst, wo die Politik sprachlos geworden ist. Archäologie übernimmt Verantwortung, wenn sie im Kampf gegen illegalen Antikenhandel klar Position bezieht. Und Archäologie leistet wichtige Beiträge beim Erfassen ökologischer Krisen und Katastrophen. Archäologie ist längst zu einem nicht mehr wegzudenkenden Element einer modernen und verantwortungsvollen globalen Kulturpolitik geworden.


Zum Autor:

Geboren 1959 in München, Studium der Vor- und Frühgeschichte, Provinzialrömischen Archäologie, Alten und Mittelalterlichen Geschichte an den Universitäten München, Saarbrücken und Ljubljana. 1985 Promotion und 1991 Habilitation an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 1990 Zweiter Direktor der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Frankfurt am Main, 1995–2003 Gründungsdirektor der Eurasien-Abteilung des DAI in Berlin. 1996 Honorarprofessor für Prähistorische Archäologie an der Freien Universität Berlin. 1998 Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 2003–2008 Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts. Seit März 2008 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Mitgliedschaften in zahlreichen in- und ausländischen Akademien. 2011 Wahl in den Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste.

Sein wissenschaftliches Hauptinteresse gilt dem Kulturwandel in Kontaktzonen Europas und Asiens vom 7. bis zum 1. Jahrtausend v. Chr., unter besonderer Berücksichtigung der Sesshaftwerdung des Menschen, der Metallversorgung früher Gesellschaften und der Entstehung reiternomadischer Lebens- und Kulturverhältnisse in der eurasischen Steppe.

Buchpublikationen: Chronologie der Späthallstatt- und Frühlatènezeit. Studien zu Fundgruppen zwischen Mosel und Save (Weinheim 1989). – Studien zur Chronologie und Kulturgeschichte der Jungstein-, Kupfer- und Frühbronzezeit zwischen Karpaten und Mittlerem Taurus. Römisch-Germanische Forschungen 52 (Mainz 1993). – Der Goldberg. Die metallzeitliche Besiedlung. Römisch-Germanische Forschungen 57 (Mainz 1998). – Das Zinn der Bronzezeit in Mittelasien I. Die siedlungsarchäologischen Forschungen im Umfeld der Zinnlagerstätten. Archäologie in Iran und Turan 5 (Mainz 2003) (mit N. Boroffka). – Die Skythen. Reihe Beck Wissen (München 2009/3). – Asagi Pinar II. Die mittel- und spätneolithische Keramik. Archäologie in Eurasien 18 / Studien im Thrakien-Marmara-Raum 2 (Mainz 2005) (mit H. Schwarzberg). – Die frühen Völker Eurasiens. Von der Jungsteinzeit bis zum Frühmittelalter. Reihe Historische Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung (München 2006). – Humboldt-Forum Berlin. Das Projekt (Berlin 2009) (mit T. Flierl). – Der skythenzeitliche Fürstenkurgan von Arzan 2 in Tuva. Archäologie in Eurasien 26 / Steppenvölker Eurasiens 3 (Mainz 2010) (mit K. Cugunov und A. Nagler). – Early Mining and Metallurgy on the Western Central Iranian Plateau. Archäologie in Iran und Turan 9 (Mainz 2011) (mit A. Vatandoust und B. Helwing).

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