Gudrun Krämer

Distanz und Nähe – Fragen einer kritischen Islamwissenschaftlerin

Verleihung des Gerda Henkel Preises 2010

Gerda Henkel Vorlesung
Herausgegeben von der Gerda Henkel Stiftung

2011, 52 Seiten, 6 Beiträge, 36 Abbildungen, broschiert/Fadenheftung
2011, 52 pages, 6 essays, 36 figures, paperback/sewn

ISBN 978-3-86887-003-9
Preis/price EUR 9,20

16,5 × 24cm (B×H), 200g

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Aus dem Inhalt / from the book:

Kurzbeschreibung
Inhaltsverzeichnis
Textauszug
Videos
Zur Autorin

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Kurzbeschreibung:

Im Jahr 2010 nahm die Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Dr.h.c. Gudrun Krämer den Gerda Henkel Preis entgegen. In der Begründung der Jury heißt es: »Gudrun Krämer ist eine quellen-, sprach- und methodensichere Historikerin. Sie untersucht, erläutert und erklärt, kritisch, aber mit sichtbarer Zuneigung zu ihrem Forschungsgebiet, die Geschichte, die Kultur, die Religion und die Wertvorstellungen der Muslime und gewinnt daraus Erklärungsmuster auch für gegenwärtige Konflikte. Da sie eine glänzende Stilistin ist, hat sie sich ein Publikum weit über die Grenzen ihres Faches hinaus erobert. Gudrun Krämer sucht sich für ihre Arbeiten brisante Themen, so dass sie, ohne an fachlicher Reputation zu verlieren, in den Medien und in der Politik zu einer gesuchten, verständlich sprechenden und urteilenden Expertin für jene Fragen geworden ist, die uns in der Auseinandersetzung mit Islam und Islamismus aktuell beschäftigen.«

Im Rahmen der Preisverleihung am 8. November 2010 ging Gudrun Krämer u.a. der Frage nach, wie man als Muslim in der Moderne leben soll. Zugleich bedauerte sie mit Blick auf aktuelle Diskussionen, wie schwer und lastend die Rede über den Islam geworden sei. Alles Leichte, Spielerische, Uneindeutige scheine sich zu verflüchtigen. Der vorliegende Band ermöglicht es, ihre Gerda Henkel Vorlesung nachzulesen, und gibt auch die übrigen Beiträge der Festveranstaltung wieder.

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Inhaltsverzeichnis:

Zum Geleit
Julia Schulz-Dornburg

Grußwort
Annette Schavan

Begrüßung
Michael Hanssler

Bericht der Jury
Wolfgang Frühwald

Laudatio
Rudolf Schlögl

Distanz und Nähe – Fragen einer kritischen Islamwissenschaftlerin
(Gerda Henkel Vorlesung)

Gudrun Krämer

Gudrun Krämer
Vita, ausgewählte Publikationen

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Textauszug:

Die Islamwissenschaft ist eine eigenartige Wissenschaft, die quer liegt zu den Kategorien der deutschen Hochschule und oft auch den Erwartungen ihres Publikums – keine bloße Regionalwissenschaft für den Nahen und Mittleren Osten, als die sie oft verbucht wird, und keine reine Religionswissenschaft, die viele in ihr vermuten, aber auch keine anwendungsorientierte Disziplin zur Lösung gesamtgesellschaftlicher Probleme von der Integration bis zur Förderung einer offenen Bürgergesellschaft. Vieles an ihr ist kontrovers, wenn nicht unter den Fachvertretern selbst, dann in den Augen anderer, Muslimen wie Nichtmuslimen, Freunden des Islam wie seinen Kritikern und Feinden. Und derer gibt es, wie wir wissen, viele.

Die Islamwissenschaft ist ein Fach voll Spannung – im doppelten Sinn des Wortes. Darin liegt ihr Reiz – und auch der ist doppeldeutig. Wie wenige Fächer fordert sie die stete Klärung des eigenen Standorts, der eigenen Perspektive. Ja, oft genug fordert sie regelrecht das Bekenntnis zu diesem Standort, dieser Perspektive. Das Bekenntnishafte wird sich im Zuge der Etablierung bekenntnisgebundener »Islamischer Studien« an deutschen Hochschulen vermutlich noch verschärfen, die ja auf der Unterscheidung zwischen bekennenden und nicht-bekennenden Wissenschaftlern beruhen, die Grenze zwischen innen und außen bekräftigen und damit zugleich Distanz und Nähe suggerieren.

...

Wie soll man als Muslim in der Moderne leben? (Ich sage mit Bedacht »soll«, denn an dem »kann« kann kein Zweifel bestehen.) Die Frage steht nun schon seit mehr als einem Jahrhundert im Raum und hat ihre Aktualität, wie unsere eigene, bundesdeutsche Befindlichkeit zeigt, keineswegs verloren. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert impliziert islamische Reform, offen ausgesprochen oder nicht, immer auch die Auseinandersetzung mit dem Westen. Dass »der Westen« hier als Chiffre für die technologisch und machtpolitisch überlegenen industriellen und postindustriellen Gesellschaften Europas und Nordamerikas steht, sei als bekannt vorausgesetzt. Dass islamische Reform auch den Islamismus hervorgebracht hat, in diesem aber nicht aufgeht, und dass Islamismus mehr ist als Jihad und Scharia und patriarchalische Unterdrückung könnte an sich ebenfalls bekannt sein, ist es aber nicht, jedenfalls nicht allgemein. Tatsächlich illustriert die islamische Reformbewegung einschließlich des politisch aktiven Islamismus geradezu mustergültig ein Phänomen, das in der Ethnologie und Sozialwissenschaft unter dem Stichwort »Tradition als Ressource« geführt wird. Ebenso mustergültig illustriert sie, was im Englischen so schön entanglement heißt – ein Ineinander-verhakt-sein, »Verwicklung«, »Verwobenheit« oder mit dem aktuellen Modewort »Verflechtung« (nur mit Bezug auf den Nationalsozialismus ist immerzu von »Verstrickung« die Rede). Die Beziehungsgeschichte, um die es hier geht, zählt nach meinem Empfinden zu den reizvollsten Feldern der Geschichts- und Kulturwissenschaft.

...

Je länger man sich mit den aktuellen Debatten befasst, desto weniger fällt einem noch auf, wie schwer und lastend die Rede über den Islam geworden ist. Alles Leichte, Spielerische, Uneindeutige scheint sich zu verflüchtigen. Alles wird – und das spiegelt vielleicht eine spezifisch deutsche Form der öffentlichen Rede wider – zum Problem.

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Videos:

Sie finden Live-Videos des Vortrags von Gudrun Krämer wie auch der Laudatio von Rudolf Schlögl vom Abend der Verleihung des Gerda Henkel Preises (8. November 2010) auf der Website der Gerda Henkel Stiftung [Klick zum Video].

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Zur Autorin:

Geb. am 3. August 1953 in Marburg a.d. Lahn; 1972–1978 Studium der Geschichte, Anglistik und Politikwissenschaft sowie der Islamwissenschaft in Heidelberg, Bonn und Sussex; 1982 Promotion im Fach Islamwissenschaft an der Universität Hamburg; 1982–1994 Referentin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Ebenhausen; 1993 Habilitation im Fach Islamwissenschaft am Fachbereich Orientalistik der Universität Hamburg; 1994–1996 Professorin für Islamwissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn; Seit 1996 Professorin für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin; Seit 2007 Direktorin der im Rahmen der Exzellenzinitiative gegründeten Berlin Graduate School Muslim Cultures and Societies der Freien Universität Berlin; Gastdozenturen und -professuren in Bologna, Erfurt, Paris, Kairo, Beirut und Jakarta; Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften; Ehrendoktor der Tashkent Islamic University

Ausgewählte Publikationen: Hasan al-Banna. Oxford, New York 2010; Speaking for Islam. Religious Authorities in Muslim Societies (Hg. mit Sabine Schmidtke). Leiden 2006; Anti-Semitism in the Arab World (Hg.) (= Die Welt des Islams, 46, 2006, 3); Geschichte des Islam. München 2005 (Taschenbuchausgabe: München 2008); Geschichte Palästinas. München 2002 (5. Aufl. 2006) (überarb. A History of Palestine. From the Ottoman Conquest to the Founding of the State of Israel. Princeton 2008); Responsabilité, égalité, pluralisme. Réflexions sur quelques notions-clés d'un ordre islamique moderne. Casablanca 2000; Gottes Staat als Republik. Reflexionen zeitgenössischer Muslime zu Islam, Menschenrechten und Demokratie. Baden-Baden 1999; The Jews in Modern Egypt, 1914–1952. London, Seattle 1989; Ägypten unter Mubarak. Identität und nationales Interesse. Baden-Baden 1986; Encyclopaedia of Islam Three. Leiden, Boston 2007– (Mitherausgeberin)

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